Episode eines Ost-Kindes: Wie ich damals unsere Flucht verriet

Die wunderschöne Lichtermauer zum 25. Jubiläum am Wochenende in Berlin hat auch unsere Familie nicht unberührt gelassen. So habe auch wir uns erzählt, wie es damals so war und das für Spuren noch heute die DDR hinterlassen hat. Besonders weil wir eine der vielen Familien waren, die 1989 kurz vor dem Fall der Mauer noch über Österreich und Ungarn geflüchtet sind. Aus dieser spannenden Zeit möchte ich Euch eine kleine Episode erzählen, die mir meine Oma erst vor wenigen Jahren verriet.

ulrike kaefer klein

Ich bin also ein Ostkind, in Thüringen aufgewachsen und verwurzelt. Ich war damals noch sehr jung – drei Jahre war ich erst alt. Doch meine Eltern konnten vor mich nicht verbergen, dass wir eine große und folgenschwere Reise vor uns haben. Sie waren aufgeregt und nervös, endlich die Zwänge der damaligen totalitären DDR hinter sich zu lassen. Besonders mein Vater, dessen Familie schon jahrelang bespitzelt und ganz offensichtlich nachteilig behandelt wurde, da sie nicht regimekonform waren, hielt es einfach nicht mehr aus. Vieles Hab und Gut wurde heimlich verkauft oder verschenkt und weiteres blieb in der Wohnung stehen, um nicht zu viel Aufsehen zu erregen. Alles war geplant. Die Eltern wurden eingeweiht, dass Kinder und Enkelkind in eine unbekannte Zukunft fliehen, in der man sie vielleicht nie wieder sehen wird. Nur an die 3jährige Ulrike und ihre kleinkindliche Unfähigkeit Geheimnisse zu bewahren wurde in alle den Vorbereitungen nicht gedacht.

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(Orientierungsbuch für DDR Bürger, die in die BRD zogen/flüchteten)

So wartete ich am Tag der Abreise vor der Tür mit einem kleine Rucksack auf dem Rücken geduldig auf den großen Aufbruch als unsere lieben Nachbarn mich ansprachen, was ich denn vorhabe. „Wir gehen auf eine große Reise, von der wir nie wieder zurück kommen!“  war meine Antwort. Bingo!

Dass unser benachbarter Polizist und sein Frau diese Geschichte damals zwar dann meiner Oma aber nicht der Stasi oder seinen Kollegen auf der Wache erzählte, war ein riesengroßes Glück für unsere ganze Familie. Dafür bin ich heute noch dankbar. Denn beinah hätte ich den Traum meiner Eltern zu einem Albtraum werden lassen.

ulrike käfer fahrrad

Übrigens: Die Flucht war erfolgreich, doch 3 Jahre nachdem die Mauer gefallen ist, sind wir zurück nach Thüringen gezogen, weil wir solche Sehnsucht nach unserer Familie hatten. Das war mein persönliches große Glück, denn ohne die Rückkehr wäre ich niemals meinen Großeltern so nahe gekommen.

Artikel von

Jungmutter einer kleinen Tochter, Mompreneuer, Master in interkultureller Kommunikation, ausgebildete Mediatorin

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