Gut gegen Nordwind?

Gut gegen Nordwind - Motherbook

Zwischen 35 und 45 Jahren sollte jeder Mutter – nicht unbedingt jeder Frau, aber doch auf jeden Fall jeder Mutter – die Aufnahme in einen Literaturkreis gelungen sein. Einen Literaturkreis kann man sich kaum suchen. Diese Plattform wächst einem zu. Ich selber bin mit 42 in einen solchen Kreis „gebeten“ worden und habe damit auch für diese Frage meiner Selbstwerdung bewiesen, dass ich ein Spätentwickler bin.

Literaturkreise sind Ausdrucksformen. Nicht nur für den gerade behandelten Autor sondern vor allem für den so organisierten Leser. Bisher hatte ich auf jeden Fall ganz anders gelesen: Entweder gar nicht oder über Monate eingeklemmt zwischen den Seiten. So eine Art Lesen, die einen beständig zwischen den Seiten 11 und 156 festhält, ohne präzise sagen zu können, was sich auf diesen endlosen Seiten eigentlich abspielte. An der Fülle der Lesezeichen konnte ich zumindest ablesen, wie viele Jahre ich an diesen Projekten arbeitete. Oder ich las über immerhin fast 10 Jahre ein ganzes Regal mit Märchenbüchern und Bilderbüchern, zum großen Teil aus meiner eigenen Kindheit, mit einem enormen emotionalen Überhang rauf und runter. Lesen bestand also vornehmlich aus dem Ablauschen des feinen Mienenspiels meiner Kinder, wenn ich ihnen zum soundsovielten Male die gleichen Bücher mit den gleichen nicht abgedruckten Anmerkungen meiner Begeisterung vorlas. Lesen war also ein bezaubernder Übergang vom Tag in den Abend, vom Funktionieren in die Fantasie, vom Materiellen ins Feinstoffliche.

Aber irgendwann war Schluss damit. Ich glaube, Harry Potter hatte alles verdorben. Lesen war ab jetzt die Intimität meiner Kinder und ich hatte dabei nichts mehr verloren. Meine eigenen Sehnsüchte blieben vor der Tür. Im Übrigen besaß ich kein einziges Buch, das ich mir nicht nach dem Cover ausgesucht hätte oder solche, die ich geschenkt bekam. Die letzten Bücher, die ich mit Begeisterung gelesen hatte, stammten von der „to do“ Liste der Umweltbewegung, also aus den frühen 80er Jahren. Hermann Hesse war zumindest auch dabei gewesen.

Ich war, wie auch später immer wieder, an einer Stelle angelangt, die ich mir nicht selber ausgesucht hätte. Mir blies der Winde von einer anderen Seite ins Gesicht.
Ich abonnierte mir trotzig einen Stapel Illustrierte und verlagerte das Lesen in die Badewanne.

Aus dieser Pattstellung trat ich übergangslos einem Literaturkreis mit fünf weiteren Damen bei. Man hatte mich gefragt. Durch meine enorme Kurzsichtigkeit umgibt mich seit je her eine Aura von Intellektualität und Arroganz. Auf beide dieser fälschlichen Eigenschaften wurde ich schon mehrfach von unterschiedlichen Personen angesprochen. Die, die mich für nicht arrogant, aber sehr belesen hielten, fragten mich also. Mich durchströmte eine Fülle köstlicher Gefühle, solche, die ich lange unterdrückt hatte, aber auch solche, die die Sorge in sich trugen, ob ich meine Mängel aus den zurückliegenden Jahren wohl würde kaschieren können.

Ich beschloss mich vorzubereiten. Tatsächlich schrieb mir mein Mann eine kluge Inhaltsangabe mit vorsichtiger Bewertung und einer feinen, gebildeten Wortwahl. Es war der Nachtzug nach Lissabon. Ich war erleichtert und übervorbereitet.

Der so begonnene Abend gewann allmählich und dann rasant an Tempo. Letztlich landeten wir im Keller der Gastgeberin unter Mitnahme von vielen Flaschen Wein und tanzten auf ausgedienten Möbeln und Matratzen zu Foreigners „Urgent“ bis in den frühen Morgen.

Mein Leben ist seitdem grundsätzlich reicher geworden  – und: auf meinem Nachttisch liegt immer ein Stoß von mehreren leidenschaftlich gelesenen und beständig ergänzten Büchern.

 

Artikel von

2 Töchter, verheiratet, Inhaberin einer Agentur für Kunstvermittlung und Kulturveranstaltungen.

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