Haarschnitt radikal – ein Mutter-Tochter-Thema?

Haarschnitt radikal – ein Mutter-Tochter-Thema? MOTHERBOOK®

In der aktuellen „Brigitte“, Heft Nr. 6/2016 diskutiere ich gemeinsam mit vier weiteren Frauen in einem  ein Dossier zum Thema „Meine Mutter und ich“. Das Thema bleibt lebenslang sehr bedeutend und ich war die einzige, die selbst schon erwachsene Töchter hat. Eine meiner Töchter präsentierte sich mir vor einigen Wochen mit einem radikalen Haarschnitt: bis auf wenige Millimeter hatte sie ihre ganze Haarpracht abrasiert. Das nahm ich zum Anlass für ein Mutter-Tochter-Gespräch. Es kamen einige Überraschungen zu Tage mit viel Liebe, Respekt und einer großen Portion Feminismus. Doch seht selbst:

Also hier sind meine Haare, wenn Du die nochmal anfassen willst…

So seidig und so zart und … glänzend, die sehen so gesund und schön aus

– ja die waren auch echt ganz gesund.

Sehr schöne Haare!

Haarschnitt radikal – ein Mutter-Tochter-Ding?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hatte ich mir am 9. Januar abgeschnitten…

Haarschnitt radikal – ein Mutter-Tochter-Thema? MOTHERBOOK®

Und die haben noch sehr viel Spannung – die Locken, die sich zusammen kringeln. Was machst Du denn jetzt damit?

Ich glaub’, die verkauf’ ich jetzt. Eigentlich sollte man sie sofort danach verkaufen, weil sie ihre Qualität nicht so lange halten

Sie sehen noch absolut unverändert gut aus!

Ja, man kriegt dafür 200 Euro oder so…

…und wie sieht’s aus mit spenden?

Ja, könnt man auch, aber da ich zurzeit selber so knapp bei Kasse bin…

Ja, ok. das seh’ ich ein.

Außerdem ist die Frage, ob Tobi das für ein Kunst-Projekt für seine Arbeit nutzt.

Jedenfalls ist das ein wunderschönes Material und wenn ich das hier vor mir liegen sehe, und denke, „Meine Güte!“ Da verzichtest Du jetzt freiwillig drauf?

Hmmmm.

Wie kommt das zustande?

Ja also erstens verzichtet man darauf nicht, finde ich. Weil die ja nachwachsen. Zweitens finde ich es auch irgendwie schön, der Gedanke, wenn die Haare sich ganz wo anders befinden irgendwann – wenn man sie nicht wegschmeißt. Vielleicht jemand der Krebs hat oder so.

Nachhaltig.

Ja, das ist auch ganz spannend. Dass man sagt, okay, egal ob es für ein Kunstwerk ist… es haben auch schon eine anderer Künstler nach den Haaren gefragt, einfach so für seine Skulpturen, die er so macht. Und dann…

Hast Du ihm nicht gegeben?

Nee, weil ich meinte, ich bin gerade so knapp bei Kasse,

Wie kamst Du denn darauf?

Es ist halt so, für mich war das gar nicht so ein großer Schritt muss ich ehrlich sagen  – Irgendwie hatte das verschiedene Gründe. Also seit zwei Jahren überleg’ ich das eigentlich… Das habe ich nur niemandem gesagt. Und am Anfang hatte das schon so’n bisschen so’n Revolutionionäres… also so’n rebellisches Ding.

Ich arbeite hier jetzt in Mitte mit den ganzen uniformierten reichen Leuten in einer Blase irgendwie. Alle, die irgendwie gleich aussehen und in Standard in Outfits, Autos, Frisur oder Restaurants wo man hingeht…

 Da war es schon so’n bisschen, dass ich mich damit nicht so ganz identifizieren wollte – und da hatte ich schon Lust, ein Zeichen zu setzen. Aber das war nicht stark genug, dass ich die Haare abschneiden wollte.

Weil ich es ja auch irgendwie schön finde, kam der Impuls eigentlich aus was ganz anderem, ich dachte einfach nur, es sähe bestimmt gut aus… und so wirklich stilmäßig. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf lange Haare…

Ich habe mich inzwischen mit dem Job angefreundet, auch mit den Leuten teilweise. Ich mache ja auch so viele Sachen, die außerhalb von da sind. Das heißt, ich brauch das jetzt eigentlich gar nicht mehr. Inzwischen liebe ich meinen Job, ich kann auch Musik machen und alle unterstützen das. Also wirklich. Ich hab mich jetzt mit der ganzen Situation angefreundet und deswegen finde ich das jetzt auch viel besser, dass ich das jetzt einfach nur so gemacht habe, weil ich Lust drauf habe und weil ich Lust auf ne neue Frisur hatte.

Stückchen Selbsterfahrung auch?

Selbsterfahrung und eben, dass es nichts mit Rebellion oder „Anti“ zu tun hat. Es hat einfach gar nichts damit zu tun. Ich bin einfach so aufgewacht und war so – zack – ich mach das.

Aber ich hab Dich ja noch gefragt, als ich Dich gesehen habe, ob das so spätpubertäre Ausläufer wären, weil ich irgendwie dachte „Ups, was ist das denn jetzt?“

Ja, das war lustig. Das war beim Familienfoto!

Und die anderen wussten das alle schon?

Ja, naja. Das ging dann los, als mein großer Bruder meinte, ob wir es mit oder ohne Mütze machen.

Ja, hab ich mir ja gar nichts dabei gedacht.

Ja, genau. Und dann war ich ja die einzige, die eine Mütze aufhatte.

Achso – das hab ich nicht gemerkt!

Doch, doch. Und dann wolltest Du das Foto machen, Du warst ja die Fotografin und dann meintest Du: „Naja, hat ja eh nur Theresa ´ne Mütze auf“ Und in dem Moment hab ich so gedacht, ok, dann nehm’ ich sie jetzt einfach ab. Und dann war es so lustig. Von allen kam ein „Whow“ und „Ah“ – und Du hast so langsam die Kamera wieder runter sinken lassen. Das war so’n extrem lustiger Moment.

(kicher)

Und dann habe ich eigentlich von Dir erwartet – das ist jetzt auch ein spannendes Thema – dass Du dann so was sagst mit dem „pubertär“ oder so was, weil ich das Gefühl hatte, dass Du ja gegen Deine Eltern viel mehr rebelliert hattest, als ich jetzt gegen meine Eltern. Ich hab ja nicht so viel rebelliert.

Ne. Eigentlich nicht.

Naja, Du hast Dich schon abgenabelt und abgegrenzt und entwickelt in eine eigenständige Person. Aber wir wir haben Dich auch entwickeln lassen.

Ja, eben genau. Es gab ja jetzt nichts, wo ich mich gegen auflehnen musste und deswegen ist das mit den Haaren jetzt auch nicht irgendwas, wo ich mich gegen was auflehnen will.

Gab’s denn nichts, wogegen Du Dich auflehnen musstest?

Ja, klar natürlich – das gibt’s ja immer. Kleine Sachen. Aber es war nicht so allgemein – ich weiß nicht, was Du für’n Eindruck hast, aber…

Nein, nein, nein. Ich wollte nur mal fragen – manchmal ist es ja auch innerlich – und dann kommt es nicht richtig raus…

Klar ist es auch das Bürgerliche, was mich da in meiner Jugend teilweise gestört hat. Aber ich finde nicht, dass Papa und Du da so extreme Repräsentanten davon seid.

Naja, wir sind ja schon etwas bürgerlich, aber irgendwie noch’n bisschen freakig dabei oder so?

Also hier habe ich die Haare vor Dir und ich seh’ Dich an. Du musstest zwar nicht gegen uns rebellieren, aber gegen die Umgebung, in der wir leben oder wie?

Nee, nicht gegen Euch. Aber die Art von Bürgerlichkeit, die teilweise wirklich nur mit Statussymbolen zu tun hat und wo einfach nicht so viele Inhalte drin stecken.

Ja, aber wie gesagt ist das, so’n bisschen das Pubertätsding. Und danach auch noch mit Studium und so. Aber jetzt ist es… Vielleicht ist es noch ein kleiner Teil von dieser Haargeschichte, aber es ist nicht mehr dieses Grundbedürfnis, dass ich irgendwie mich dagegen auflehnen müsste. Also überhaupt nicht. Deswegen war es ja auch so lustig mit der Frage…

Als ich Dich gefragt hab ob das spätpubertär ist. Ob Du 13 bist oder älter.

Ja, weil ich mich bei Deinen Eltern so richtig krass aufgelehnt hätte, aber das…

Also ich habe mich ja total aufgelehnt.

Klar, wir wissen ja, in manchen Phasen, also in der Pubertät…

Aber jetzt muss ich auch sagen, dass ich unbewusst total von der Modeindustrie beeinflusst war – und ich dachte, das wär’ jetzt so eine ganz individuelle Entscheidung und dann sehe ich auf einmal, dass überall in der High Fashion die Models kurze Haare haben – und das war natürlich vielleicht schon unbewusst, aber dann denkt man dann…

Haste doch schon irgendwo gesehen, oder war die Zeit einfach reif?

Genau, wahrscheinlich ist es eine Mischung aus Zeitgeist und etwas irgendwo gesehen zu haben, ohne es wirklich registriert zu haben.

Und jetzt steh’ ich da und ich hatte extreme individuelle, also persönliche Erfahrungen… Also ich würde es jeder Frau empfehlen, weil…

Ja, es kommt drauf an, da muss man auch ´ne schöne Kopfform haben, sonst wird das nix.

Naja, ich wusste ja auch nicht, wie es aussehen würde.

Du wusstest ja auch nicht, wie Deine Kopfform ist, Du hast ja immer Haare gehabt. Selbst als Säugling. Du warst ja diejenige von unseren Kindern, die immer schöne Haare hatte, immer diese dunklen, schönen Haare – und man konnte nie wirklich sehen, wie Deine Kopfform wirklich ist.

Ja, genau – und deswegen hatte ich dann schon ein bisschen Bammel am Abend vorher. Ich hab’s mir an einem Tag überlegt und am nächsten gemacht. Und ja, glücklicherweise ist das ja alles ganz gut.

Der Kopf ist völlig in Ordnung.

Der ist völlig in Ordnung und ich habe einen extrem reichen Horizont hinzu bekommen, weil…

Wieso? Das musst Du mir mal erklären.

Ja, das ist wirklich extrem, weil die Leute mich so anders wahrnehmen, seitdem.

Bloß wegen mehr oder weniger Haaren? Oder gar keinen Haaren?

Ja, und das ist so faszinierend. Weil ich denke, ich habe schon so viele Zeichen gesetzt in meinem Leben. So Sachen gemacht, die ich selber als mutig empfinde – wie mit den Obdachlosen zu arbeiten und nachts da einfach reinzugehen auf sie aufzupassen und so weiter. Und wo wirklich auch schon Leute teilweise  einen Beschützerinstinkt bekommen haben

… weil sie sagten, das kannst Du jetzt nicht machen?

Ja, teilweise, als ich mit denen, die ich da kannte nachts auf der Straße stand und mit den besoffenen Leuten diskutiert habe und so. Das sind ja so Sachen, die ich im Nachhinein noch als mutig empfinde und wofür ich aber nie so wirklich Respekt von irgendwem bekommen habe. Was mir auch egal ist, aber dann, was mich im Nachhinein so erstaunt ist, dass, wenn ich mir einfach nur die Haare abschneide, etwas ganz Äußerliches, da ist da auf einmal dieser Effekt von Respekt, Anerkennung und „oh, Du traust Dich aber was!“

Wieso Anerkennung?

Ja, das ist eben die große Frage. Das hat natürlich mehrere Gründe. Und der eine ist das sexistische Ding. Also dass die Frauen – also lange Haare werden mit Weiblichkeit verbunden – und…

gleichgesetzt.

Gleichgesetzt – und diese langen Haare – und dieses weibliche Attribut… Seitdem habe ich vielmehr Drang, Feministin zu sein, weil ich gemerkt habe…

Seit die Haare ab sind. Nicht als Du sie abschneiden wolltest?

Nee, nee. Davor nicht. Das hatte damit gar nichts zu tun. Aber jetzt merk’ ich, dieses weibliche Attribut „Lange Haare“ dazu führt, dass man von Menschen nicht so ernst genommen wird, wie wenn man sie nicht hat.

Ich fühl’ mich eindeutig viel ernster genommen. Also mindestens doppelt so ernst.

Als Person.

Als Person.

Und zwar von den Leuten, die Du vorher kanntest?

Auch.

Und von den Leuten, die Du kennenlernst?

Ja. Alle.

Das heißt, die Leute, die Du kennenlernst, treten Dir anders gegenüber auf, als wenn Du schöne lange braune Glanzzöpfe…

Ja, genau. Vorher war da das Mädchen, schön, Model…und so weiter – oder einfach nur Frau – und wenn ich dann was gesagt habe, kam „Ah, die ist ja trotzdem irgendwie intelligent“ – „Die weiß ja sogar was“ – und jetzt werde ich von vornherein so wahrgenommen „das ist ja eine gestandene Person“. Das war vorher gar nicht da und das macht mich im Nachhinein auch irgendwie wütend. Wo ich denke: Ok, da gibt es echt noch extrem viel zu tun! Aus feministischer Sicht…

Das macht Dich wütend!?

Ja, da macht mich wütend. Es heißt ja übersetzt  – also das mit den Haaren ist mir jetzt egal, die würde ich mir auch wieder lang wachsen lassen – dass man, je weiblicher man aussieht, desto weniger wird man ernst genommen.

Du siehst ja immer noch sehr weiblich aus.

Ja, ich weiß. Aber die Leute verbinden das nicht damit. Die denken zum Beispiel oft jetzt, dass ich lesbisch bin.

Weil Du die Haare ab hast.

Ja, genau. Ja, weil sie denken, das bedeutet krass viel. Und das ist halt so lustig, weil das mir halt nicht so viel bedeutet hat, dass ich’s gemacht habe.

In erster Linie hatte ich einfach keinen Bock mehr auf die langen Haare. Ich dachte einfach, zack, jetzt mach’ ich sie ab.

Wieso hattest Du keine Lust mehr auf die Haare?

Ja, weil immer die langen Frisuren und dann werden sie fettig, dann muss man sich einen Pferdeschwanz machen, dann geht der Schal drum und sie verfilzen da – ich hatte also wirklich so einen Moment, wo ich dachte: Nein, ich WILL jetzt nicht mehr. Aber es war wirklich nur das praktische Ding – und ich dachte, es ist auch ein bisschen fesch. Und auch frech, so kurze Haare, aber eher so Style-mäßig habe ich gedacht. Und dann komme ich da an und denke, was das für einen Effekt hat – wie viel einfacher das Leben ist in der Gesellschaft.

Kannst Du mir bitte nochmal erklären, was da einfacher ist? Also Du gehst in einen Laden rein und dann?

Ja, die Leute gucken anders. Ich bin selber perplex, was das für eine Wirkung hat. Vielleicht verhalte ich mich auch anders. Weiß ich nicht. Kann auch sein.

Ja, aber Du verhältst Dich ja nicht anders, weil Du die Haare anders hast?

Nee, aber das sind vielleicht so Impulse, die ich gegenseitig verstärken.

Denkst Du da überhaupt dran, dass wenn Du in den Laden gehst, dass Deine Haare ab sind?

Nee, natürlich nicht mehr. Aber ich denk zum Beispiel die neuen Leute in meinem neuen Umfeld, was ich habe. Ich lerne in letzter Zeit viele neue Leute kennen und als ich noch lange Haare hatte, habe ich so’n bisschen einen neuen Freundeskreis kennengelernt und das war ja total nett, aber seitdem ich jetzt die Haare ab habe, werde ich auch von Frauen, also auch so’n bisschen von älteren Frauen, die vielleicht selber nicht mehr im Model-Alter sind, die vielleicht vorher gedacht haben, „Dumme Gans“ oder so was, ernst genommen – da ist es kein Thema mehr.

Fühltest Du Dich echt nicht ernst genommen?

Nee. Ich fühlte mich von älteren Frauen nicht ernst genommen. Das ist ja die Gruppe Mensch, die einen am wenigsten ernst nimmt, wenn ich als junge Frau so…

Aber Du weißt, das geht mir nicht so.

Ja, ich weiß.

Aber vor allem Männer, die ja gar nicht wissen, was sie sagen sollen, wenn sie eine schöne Frau sehen, werden total verlegen. Und dann kann man mit denen ja eh nicht reden. Oder sie legen sofort Liebesgeständnisse ab

…wenn man schöne, seidige, lange Haare hat…

Ja, aber ich find’s ja beleidigend, dass die nicht über normale Themen mit einem reden. Die reden weder über Politik, noch über finanzielle Dinge, worüber Männer untereinander die ganze Zeit diskutieren. Und darüber reden sie mit mir nicht. Seitdem die Haare kurz sind, wird mit mir darüber geredet. Vorher musste ich mich da irgendwie immer rein drängen und dann war es oft eine Überraschung, dass ich was gesagt habe

(trotz der schönen Haare kann sie was sagen?)

Ja, und dann war da dieses Lob teilweise: „Ich find’s ja richtig interessant, mich mit Dir zu unterhalten“ – und das finde ich dann

völlig überraschend…

so was von arrogant von diesen Männern, dass die denken, mich loben zu müssen, weil es interessant ist, sich mit mir zu unterhalten. Das ist doch total absurd.

Bloß weil Du als schöne Frau auch was zu sagen hast.

Ja. Das war mir vorher aber alles nicht bewusst. Das hat mich teilweise so’n bisschen genervt, aber damit war ich ja eben schon immer konfrontiert.

Du wurdest dann ja schon immer nicht ernst genommen…

Ja, irgendwie ja.

Ich fühl mich ja als Mensch generell schon sehr ernst genommen.

Ja eben.

Vom Umfeld und so. Aber eher als dann so ein „Wesen“. Die Leute haben mich vorher eher so als Wesen wahrgenommen – also die checken schon, dass ich intelligent bin – die denken, ich hab’ irgendwas – das haben die schon als Baby gesagt – ich hab da irgendwas in den Augen und so. Auf diese Art werde ich immer ernst genommen, habe ich das Gefühl. Aber nicht auf dieses, „was sie jetzt wirklich sagt“. Und das kommt jetzt auf einmal an bei den Leuten.

Also vorher bist Du nur als „Erscheinung“, – und als Model – also schlechtestenfalls als Wesen wahrgenommen worden.

Ja, und ich musste mich schon immer extrem beweisen, dass die Leute zugehört haben, was ich gesagt habe.

Deswegen warst Du immer so aggressiv gegen dieses „Model-Tussi-Zeug“?

Ja, genau. Und das ist ja der lustige Punkt, der witzige „Turn“ in der Geschichte, weil ich ja jetzt anfange zu modeln und weil ich gerade jetzt mit den kurzen Haaren von der Agentur gefragt wurde.

Aber jetzt macht es Dir plötzlich nichts mehr aus?

Jetzt macht es mir nichts mehr.

Aber mit langen Haaren hat’s Dir immer was ausgemacht. Da wolltest Du’s eigentlich nicht modeln.

Ja, da hat’s mir was ausgemacht.

Da wolltest Du es einfach nicht machen.

Ja, ich habe eben zum Beispiel meine Nägel lackiert, solche Sachen habe ich vorher nämlich auch nie gemacht, weil ich immer das Gefühl hatte, ich muss die Balance extrem halten zwischen dem Weiblichen… Also ich stehe ja total dazu, Frau zu sein. Das finde ich total toll. Auch das Weibliche. Aber auch diese Balance, dass ich irgendwo noch was eckiges, kantiges haben musste, um mich irgendwie behaupten zu können. Alles mehr unterbewusst. Aber jetzt registriere ich das alles mit dieser Umwandlung.

Du kannst es jetzt also richtig gegenüber stellen – vorher – nachher – und reflektieren, dass das alles… Aber hast Du denn jetzt das Gefühl, dass wenn Du jetzt wieder lange Haare hättest, dass Du verändert wärst?

Ja. Ich glaube, das würde mich für immer verändern. Es hat mir einfach so viel Sebstbewusstsein gebracht, weil ich gemerkt habe, die Leute nehmen mich jetzt so, wie ich bin.

Das heißt, wenn Du jetzt lange hättest, wärst Du anders als vorher, bevor Du die Haare abgeschnitten hast.

Ja, weil ich glaube, dass  – es geht ja immer um Projektion, die die Leute auf einen haben – ist ja die große Veränderung, die es jetzt ausmacht, aber auch dann wiederum, wie man sich dann selber auch daraufhin verhält. Und ich glaube, dass ich schon den Leuten jetzt in ´ner viel größeren Natürlichkeit gegenüberstehen kann und vorher war es immer so ein bisschen eine Anstrengung, wenn ich irgendwo neu hinkam.

Du musstest Dich beweisen, dass Du jemand bist, der auch was zu sagen hat?

Genau

Und jetzt hast Du das Gefühl, man sieht Dich und…

Jetzt ist es einfach kein Thema mehr und ich merke, dass es vorher ein Thema war.

Und wieso hast Du das Gefühl, wenn Du jetzt lange Haare hättest, wäre das auch kein Thema mehr?

Jetzt wäre es wahrscheinlich auch teilweise ein Thema, aber ich glaub’, ich könnte das dann ganz schnell…

Du stehst Drüber!

Genau. Nicht nur drüber, sondern ich glaube, ich könnte es auch ganz schnell energiemäßig und mit Blicken und so…

So nach dem Motto, ich hab’ zwar lange Haare, aber trotzdem liebe Leute…

Genau, ich würde vielleicht manchmal merken: Ah, ok, das ist jetzt wieder so’n Fall – das wird bestimmt wieder vorkommen, aber ich glaub, das könnte ich ganz schnell mit ein paar Sätzen und einem Blick zunichte machen. Und vorher war das immer so’n totales Rumgeeiere…

Das heißt, Du glaubst, dass Du Dir einfach ein Stückchen Souveränität erkämpft hast.

Ja, aber dann eben nicht erkämpft. Vorher musste ich es mir quasi erkämpfen.

Nein, aber vielleicht so, dass Dir fast aus Versehen ein Stückchen Souveränität geschenkt wurde?

Ja genau.

Ja, aber es kam auch so’n bisschen… Es war auch extrem viel Vorarbeit, muss ich wirklich sagen, weil ich eben diese ganze Vorarbeit, die man vorher geleistet hat, in Gesprächen und dann auch auf den Bauernhof gehen, um zu arbeiten – klar, das sind auch alles so Sachen, die mich eh interessiert haben und die mir am Herzen liegen, aber ich glaube, es hat auch ein bisschen was von – „Ok, ich bin `de Frau und ich mach’s trotzdem.“ Es hatte schon was damit zu tun.

Also Du wolltest Dir schon auch ein bisschen beweisen, dass Du nicht nur diese Model-Tussi bist.

Genau, genau. mir – und auch den anderen natürlich.

Ich arbeite mit Flüchtlingen – da mache ich Projekte, die auch teilweise in die Richtung gehen, dass es dann auch nicht ganz ungefährlich ist vielleicht, aber jetzt mach’ ich es, weil ich es einfach toll finde. Und jetzt hat es nicht nur etwas mit dem Beweisen zu tun. Das ist eine riesige Befreiung.

Das heißt, Du musst Dich nicht mehr beweisen – Du machst es einfach!

Genau.

Auf dem Bauernhof waren ja auch diese ganzen Bauern und die Dorfbewohner, die dann sagten: „Ah, öh, die sieht ja aus wie ein Model und macht es trotzdem.“ Und natürlich war das auch…

Kam das immer? Es haftet Dir ja förmlich an den Fersen – das hast Du nicht losgekriegt.

Genau, und jetzt…

Ist das wirklich so? Wo auch immer Du hingehst?

Und das war immer, egal wo Du hinkommst – haben sie immer gesagt: „die sieht aus wie’n Model“ oder wie?

Nein, nein. Eben nur in solchen Situationen, wo es dann untypisch war. Auch in der Schweiz auf einem Bauernhof war es sehr lustig, da gab es manchmal solche Bemerkungen und das Bauernehepaar war dann auch sichtlich überrascht nach zwei Tagen…

…dass Du wirklich gearbeitet hast?

Ja, genau, dass ich wirklich gearbeitet habe. Aber ja auch im Café. Ich hab ja auch in der Gastronomie gearbeitet… Das hat auch, glaube ich, ein bisschen damit zu tun,  ein bisschen. Und da habe ich auch in dem ersten Café, wo ich angefangen habe zu arbeiten, …

Womit hat das zu tun – dass Du Dich abgrenzen wolltest?

Dass ich mich ein bisschen beweisen musste, dass ich arbeiten kann und dass ich nicht einfach nur `ne Tussi bin. Und so wie ich immer wahrgenommen werde, wurde. Und da war es auch so. Bei der Probeschicht hieß es wohl, das habe ich im Nachhinein herausgefunden, der eine hat dem anderen noch geschrieben: Na, wir haben da so’n Mädel in der Probeschicht, aber das wird eh nichts – such’ mal nach neuen Leuten für die nächste Woche.“

„Das wird eh nichts“ haben die gesagt?

Ja. Und dann waren die ganz überrascht alle, dass ich arbeiten kann. Und genau diese Sachen.

Und wieso haben die gedacht, das wird eh nichts?

Ja, weil die dachten, ah, das ist so’n Mädel, der fällt alles in den Schoß, die ist schön, die braucht sich nicht anzustrengen.

Ok. Das ist aber eigentlich schrecklich.

Ja, eben. Ich meine, es ist nicht so schrecklich, es war ja auch irgendwie alles ok vorher. Aber es ist so viel besser jetzt. Und da weiß ich aber auch, dass…

Und als sie gemerkt haben, dass Du arbeiten kannst…?

Da war das super. Es gab ja auch nie ein Problem. 
Aber auf dem Bauernhof, das lustige, was ich eigentlich noch sagen wollte: In der Schweiz haben die mich alle relativ normal eingespannt. Hier… Steine schleppen, die extrem schwer sind. Das kann man ja dann auch rein körperlich dann manchmal nicht. Es ging ja wirklich an meine Grenzen, aber die Bäuerin hat das eben auch gemacht und da gab’s einfach keinen Unterschied mehr zwischen Mann und Frau. Was ich irgendwie ganz gut fand da. Aber wo ich manchmal dachte: „Mann ey – ich bin’n Mädchen!“ da dachte ich also schon in die Richtung. Das war eigentlich dann auch ganz angenehm. Aber erst als die mich kennengelernt haben, nach zwei Wochen so. Und dann bin ich nach Italien auf’n Bauernhof, wo ich dann… gar nichts mehr machen durfte.

Durftest?

Die ganze erste Woche. Weil da waren dann so 16-jährige Jungs, die haben auch noch mitgeholfen und eben ein Bauer. Da war ja keine Frau, der war ja nicht verheiratet. Und da war’s dann so: „Oh no, no, no! Wir machen das!“…

Du nicht?

… und so. „Mach’ Dir nicht die Hände schmutzig!“ und alles – und da musste ich dann – habe ich dann nach einer Woche mit dem Bauern geredet, dass ich… Ich fand das total blöd. Vor allem diese 16-jährigen Jungs – was bilden die sich ein? Und dann war da ja auch noch das Irre, das war ja Italien, das ist ja fast wie in der Steinzeit irgendwie… So elektronische Geräte. Das war dann so’ne Sache. Da wurde ich gar nicht rangelassen.

Du wurdest nicht rangelassen?

Ja. Weil ich als Frau eh schon auf dem Bauernhof… Aber dann noch…

Mit Geräten, das geht gar nicht.

Ja, also Elektronik. Also… Das kann ´ne Frau ja gar nicht. Und da war ich echt richtig sauer und da hab’ ich dann irgendwann gesagt: „Ey, ich find das nicht ok – diese 16-jährigen Burschen da, die haben überhaupt nicht mehr drauf als ich. Die sind auch nicht stärker oder irgendwas… Und die führen sich hier auf… Ich will jetzt einfach… Ich will die Sachen machen. Ich will denen eher sagen, was sie zu tun haben als anders herum.

Ja. klar.

Es war ja schon so, dass die einem gesagt haben, was ich zu tun habe…

Wie so kleine Brüder war das für Dich aber eigentlich.

Ja, genau. Aber auf der anderen Seite. Der Bauer selbst ist ein unheimlich charmanter, auch recht junger Kerl. Ein Freund von Freunden und so weiter. Und das war dann natürlich auch schön, mit ihm. Klar, der hat mich dann abends mit in die Bars genommen und da haben wir dann immer gesagt, ich bin die Praktikantin, was ja stimmte. Und es hat aber niemand geglaubt.

Hat niemand geglaubt. Die haben immer gedacht, Ihr seid ein Paar, oder was?

Ja, genau – dass der seine neue Freundin mitbringt und sagt, das ist die Praktikantin und so.

Hat auch keiner geglaubt.

Ja, aber das sind dann auch so Sachen, was ich lustig finde. Italien und wo ich sage, dieses ganze Mann-Frau-Ding ist ja auch irgendwie toll, aber…

Ist schon mittelalterlich da noch…

Ja, ist mittelalterlich und vor allem dieses ernst genommen werden. Das ist halt wirklich auch noch so’n Thema.

In Italien noch mehr als hier!?

Ja. Viel mehr…

Aber hier ja anscheinend auch!?

Nee, eher auf ´ne andere Art. Ich weiß nicht, ob es viel mehr ist – es ist eine andere Art. Weil hier ist es vielleicht nicht so direkt, aber indirekt extrem.

Aber in die Model-Falle bist Du ja trotzdem getappt.

Ja, aber mal sehen wie’s wird. Ob es eine Falle wird oder einfach so sein wird, es ist einfach ein gut bezahlter Job. (mit dem ich weit reisen kann.)

Ja, das ist natürlich toll.

Ja, also damit wäre es dann so, wenn man sich davon befreien kann, um wieder irgendwo ankommen zu wollen. Dann kann man sagen, okay. Ich mach’ jetzt `n guten Job. Was echt extrem gut ist. Dann brauch’ ich nämlich nicht mehr solche Sachen machen wie Haare verkaufen, um Geld zu verdienen.

Ja, es ist ja auch eigentlich für Dich ungewöhnlich, dass Du Dir einen Job suchst, wo Du richtig gut Geld verdienst.

Ja, aber das ist ja nun mal heutzutage so, oder wahrscheinlich immer, alle Sachen, die mich interessieren und die ich echt liebe und ohne die ich nicht leben könnte, bringen immer nicht viel Geld. Was soll man da machen?

Das heißt, Du bist mehr auf Kunst und

Ja, ich liebe… … unabhängiges

… Schreiben und Musik! Das sind immer die beiden Sachen.Und

womit man wirklich schwer was verdienen kann…

Genau… Und… Deswegen ist es ja jetzt perfekt, wenn ich das irgendwie noch so…

Schreiben, Musik und Modeln? Diese drei?

Ja.

Ja.

Ist doch perfekt. Vor allem, ich weiß, dass bei der Agentur halt auch echt gute DJs mit dabei sind und Musiker und alles. Und wo man dann wahrscheinlich schon wieder Sachen verbinden kann.

Ok…

Aber es hat alles irgendwie mit den Haaren zu tun, finde ich.

Mit den Haaren. Aber das ist ja irgendwie nur ne Äußerlichkeit?

Ja, genau. Und das ist ja das, was mich selber so perplex macht. Eine Äußerlichkeit, die einen viel größeren Effekt hat, als alles andere, was ich vorher gemacht habe.

Als alles andere… und vor allem Du hast dem selber keine Bedeutung beigemessen!

Vorher nicht, nee.

Und das ist einfach über Dich, wie eine Lawine…

Ja. Eine ganz, ganz interessante und positive Lawine.

Echt toll.

Wirklich positiv für Dich?

Ja, wirklich positiv. Aber eben auch dieses Wut-Element, dass ich denke, okay; warum denn nicht vorher?

Aber diese Wut hast Du wahrscheinlich vorher auch indirekt gehabt. Und Dich gefragt – warum nimmt mich keiner wahr?

Aber es war nicht richtig bewusst. Wenn dann eher unbewusst.

Aber innerlich bist Du schon dagegen angegangen, dass Du gedacht hast, warum nehmen die mich nicht ernst? Und da hast Du bloß nicht gedacht, weil ich lange Haare habe… Und jetzt sagst Du rückblickend, warum haben die mich nicht ernst genommen, bloß weil ich lange Haare hatte?

Ja, aber eben nicht bloß, weil ich lange Haare hatte, das ist wirklich ein Ding. Nämlich bloß, weil ich ne Frau bin. Da geht’s um das wirklich eindeutige Zeichen. Und das ist ja das, was mich wütend macht. Bloß weil ich lange Haare hatte, wäre mir ja egal.

Bloß wegen dieser schönen, vor mir liegenden, glänzenden, seidigen…

Ja wegen dieses weiblichen Attributs. Und da werde ich jetzt wirklich zu ner ganz intensiven Feministin, würde ich sagen. Und was nicht mit Emanze zu tun hat, sondern wirklich mit…

Mit Ende 20 wirst Du zur Feministin?

Ich glaube, ich war es auch vorher schon die ganze Zeit. Welche Frau ist das nicht? Ok, es gibt Frauen, die sind es nicht. Aber…

Naja, das musst Du ja schon fast sein, weil selbst die Oma war auf ihre Weise Feministin. Ich bin natürlich Feministin, obwohl… ich von der Rollenverteilung natürlich eigentlich die klassischste Rolle gemacht habe, die man machen kann. Aber… ich bin ich natürlich trotzdem Feministin.

Genau. Das war ja auch das Ding, als ich vorher dachte, als das mit der Rebellion kam. Es ist nicht das Ding, dass man wirklich äußerlich Zeichen setzen muss, …

… um Feminist zu sein.

Ja genau, das fand ich eigentlich immer noch gut, aber ich merke trotzdem, wie äußerliche Zeichen einen einfach einen Schritt zu so einer Erkenntnis bringen können.

Das ist der Unterschied wahrscheinlich wie zwischen Theorie und Praxis. Wenn man von irgend einer Sache hört, dann findet man das interessant. und überlegt sich, ob man das vielleicht auch möchte, so diese Erfahrung. Und wenn man die Erfahrung dann plötzlich macht, ist das doch etwas anderes, als wenn man darüber gehört hat.

Ja, ja aber auch noch dieses Ding, wo Du sagtest, Du hast ja auch klassisch dieses Frauenbild, was nichts mit Feminismus zu tun hat und machst es halt trotzdem und das find’ ich irgendwie immer noch ganz gut. Aber wenn man jetzt sagt, ok…

Aber in der Familie wurde mir das ja von den Jungs oft gespiegelt. So nach dem Motto „Du scheiß Emanze!“

Ja, ich weiß. Nee, nicht Emanze. Feministin. Wird mir ja auch immer gesagt und was ja auch in der Familie echt nervig ist, also ich liebe sie alle. Sehr, ja… Aber…

Ja aber wir haben natürlich in der Familie auch schon, wenn man mal ganz ehrlich guckt, eine Ansammlung von gewissen Macho-Elementen …

(Husten im Hintergrund!!! – ich schmeiß’ mich weg!)

Ja, oder wir haben doch eine Rollenverteilung, die… Nee, nicht Rollenverteilung, sondern…

 

Was findet denn Dein Freund? Was sagt der dazu?

Ja, also ich habe, … Tobi war halt der einzige, den ich ein paar Tage vorher gefragt habe, wie er zu meinen Haarplänen steht, weil ich das doch irgendwie blöd gefunden hätte, wenn er das als extrem unattraktiv angesehen hätte.

Geschockt – Wild…

Man will ja nicht unattraktiv vor dem eigenen Partner sein. Und dann dachte ich, ok, da will ich mir schon gern so eine Art Versicherung holen, ob das ok wäre und dann hab ich’s ihm aber nicht gesagt, dass ich es wirklich ganz konkret vorhabe.

Das heißt, Du hast es nur so abstrakt gesagt, „wie wäre es, wenn…“

Ja genau. Und dann ist er weggefahren und dann hab ich ihn abends abgeholt.

Was hat er denn gesagt?

Schon als ich ihm davon erzählt habe, fand er die Idee toll. So jaa, super! und er findet’s auch ganz attraktiv bei Frauen.

Und wenn er Dich nun ganz hässslich gefunden hätte mit den „abben“ Haaren?

Ja, das wär aber glaube ich auch ok gewesen, weil glaub ich…

…er gesagt hat, dass ist gut.

Ja und weil auch unsere… Weil wir so viel teilen, unabhängig von diesem ganzen nur weiblich-männlichen Dingen, sondern wir machen ja auch unglaublich viel zusammen. Ich glaube, das wär jetzt auch nicht so’n Problem gewesen, wenn ich nicht so gut ausgesehen hätte zum Schluss. Aber ja, ich find’ eben, dass Tobi auch ne super Einstellung hat. So zum Feminismus oder dass er weder Macho ist, noch irgendwie Weichei, sondern einfach die Sachen so sehr, sehr männlich und intelligent…

Und sag mal, dann ist er weg gefahren und als er wiederkam, hast Du ihn so vom Flughafen abgeholt.

Ja, genau. Und dann hat er sich total erschrocken natürlich am Gate, und dann fand er es aber gut.

Total erschrocken…?

Als wir uns auch ein bisschen gestritten haben, wir waren nicht in so guter Stimmung, da hat er dann auch gesagt, dass er meine langen Haare vermisst hat, weil man es ja immer mit so etwas Lieblichem dann verbindet. Aber sonst…

Im Bösen gesagt?

Nee, danach. Dass er an dem Tag halt die langen Haare vermisst hat.

Und Dein großer Bruder?

Ich bin dann hin und hab da meine Mütze abgemacht und dann…

…ich mein’, Dein Bruder ist ja nu so’n kleiner Macho… eigentlich, wenn man mal ganz ehrlich ist.

Ja, der ist ein Macho, aber der findet’s jetzt glaub’ ich ganz gut. Aber ich weiß auch nicht… Schwestern sind da ja noch mal ganz anders…

Das heißt, der hat nicht wirklich was dazu gesagt.

Nee. Und der Kleine findet’s ja richtig gut.

Der jüngere Bruder findet’s richtig gut? Was hat er gesagt?

Ich hatte ja am Anfang ja die Haare auf Stufe 8, nicht 5. Das heißt, ein paar Millimeter länger -und da hat er gesagt, „das ist doch viel zu lang!“

Viel zu lang. Aber das Witzige ist ja, dass Deine beiden Brüder das ja auch schon gemacht haben.

Genau, stimmt.

Beide Brüder haben das auch gemacht. Nur deine Schwester noch nicht. Es ist im Grunde was ganz Anderes, aber sie haben’s beide gemacht und für beide war es, glaube ich, eine interessante Erfahrung. Die hatten sich ja, glaube ich, den Kopf ganz kahl rasiert.

Ja genau, …

Am Anfang.

… ich hab’ ja immer noch ein bisschen stehen lassen.

Ja genau, man sollte auch nicht krank aussehen.

Ja genau, weil ich fand, bei den beiden, dass es krank aussah und ich wollte das so nicht.

Du fandest wirklich, dass es krank aussah bei denen?

Ja, das sah irgendwie so’n bisschen krank aus.

Also man hätte gedacht, die haben wahrscheinlich ´ne Chemotherapie oder so was hinter sich.

Genau, und das dachte ich, muss ja jetzt nicht sein. Also das wäre noch extremer gewesen

Diesen Zweifel braucht man jetzt nicht.

Genau. Ich wollte es ja nicht wegen irgendeinem Effekt machen. Und deswegen dachte ich…

Ich seh’ auch dass Du sehr viele Haare hast. Die sind ja alle mini mini kurz angelegt, aber man sieht nichts davon. Die glänzen nicht und gar nichts. Es sind nur ganz mini kurze Häärchen.

Ganz, ganz weich.

Und komischerweise denkt man, die müssten stoppelig sein. Sind sie aber nicht. Aber das sieht man bei diesen langen Haaren auch. Sie sind halt super seidig weich – und das sind die kurzen anscheinend eben auch. Die sind einfach seidig und weich.

Ist ein ganz angenehmes Gefühl. Nur wenn es wirklich kalt windet draußen, dann ist es ein bisschen unangenehm…

… auf der Kopfhaut

…genau auf der Kopfhaut entlang

und die ist immer geschützt sonst.

Ja, mit den langen Haaren ist es doch deutlich mehr Schutz drauf. Das hätte ich nicht gedacht. Aber das ist wirklich ein Unterschied. Oder auch, wenn’s regnet und die Tropfen hier so direkt rauf gehen

Auf die Kopfhaut – das ist dann unangenehm? Das heißt, Du ziehst dann jetzt ´ne Mütze an?

Ich ziehe jetzt öfter mal eine Mütze an, was ich vorher eigentlich recht selten gemacht habe.

Ganz selten, wenn es Dir wirklich sehr, sehr kalt war.

Ich hätte ja wirklich am Anfang gedacht, das Ding ist vielleicht sogar die Frage, ob das wirklich so ein Mutter-Tochter-Ding ist, aber das ist eben eindeutig nicht so?

Ja, ja genau. Das ist wirklich nicht. Also ich weiß nicht, ob da… Neee. Nee, nee, das ist wirklich nicht so, weil ich Dich ja auch ganz intensiv als Feministin wahrnehme und dann wäre das auch nicht so’n Ding

Hast Du mich immer schon als Feministin wahrgenommen?

Ja, vor allem, seitdem Du das Ding da jetzt machst.

Ja, aber da wart Ihr ja alle schon groß. Seit ich…

Ja, aber vorher war es ja auch kein Thema für mich. Als Kind habe ich Dich überhaupt nicht als Feministin wahrgenommen. Als Jugendliche auch eher nicht. Weil es natürlich auch diese traditionelle Rollenverteilung gab. Und ich habe mir früher auch nicht wirklich Gedanken darüber gemacht.

Ja genau. So war es und Du hast es so genommen, wie es war. Das heißt, ich bin ja keine Feministin geworden. Ich bin ja authentisch, ich habe meine Einstellung nicht geändert.

Ja, ja total. Ich weiß.

Ja, ok.

Aber das war jetzt auch vorher kein Gedanke, eben weil ich sie ja auch nicht aus dem Grund abgeschnitten habe.

Ja, eben.

Ich hatte mir ja auch die Haare abgeschnitten und hatte ganz andere Erfahrungen gemacht als Du.

Wie alt warst Du da?

Fast 21. Bei mir war es ganz spannend, dass ich die Haare immer so lang, halblang oder irgendwie hatte. Und dann hatte ich irgendwann gedacht, es könnte jetzt auch mal ganz anders sein und dann habe ich mir die ganz kurz abschneiden lassen. Und… Bei mir war die Erfahrung nicht so krass. Ich habe zwar jedesmal, wenn ich am Spiegel vorbeikam, einen Schreck bekommen, aber ich hatte eben die Haare auch nicht so kurz wie Du, sondern ich hatte einen Kurzhaarschnitt.

Das ist ja dann vielleicht nochmal ein Unterschied.

Einen richtigen Haarschnitt. Einen witzigen, kurzen Haarschnitt. Und die Männer haben auch reagiert in meinem Umfeld, so nach dem Motto, ob ich unter den Rasenmäher gekommen wäre. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass mich irgendjemand anders behandelt hätte als vorher.

Aber ist es nicht auch so. Also ich hab das Gefühl, jetzt haben die Frauen wieder längereHaare und damals war das vielleicht auch so’n bisschen – das waren die 80er wahrscheinlich – wo Du das gemacht hast, ne?

Das war 1978.

Aber niemand hat Dich anders… es hatte also keinen Effekt?

Ich fühlte mich ganz anders und das Schlimme war nur, ich hatte einmal eine ganz schreckliche Frisur, weil ich in der Übergangsphase mir eine Dauerwelle hab’ machen lassen, die dann irgendwie ein bisschen entgleist ist, und ich dann irgendwie ganz furchtbar aussah.

Da hast Du Dich dann unattraktiv gefühlt und dann auf der anderen Seite Deinen Ehemann kennengelernt

Ja, ich habe mich unglaublich unattraktiv gefühlt, weil ich dachte, das sieht billig und sch… furchtbar aus – und hab’ genau in der Phase, als es am allerschlimmsten aussah, meinen Ehemann kennengelernt, mit dem ich immer noch verheiratet bin.

Meinen Papi.

 – aber da war ich auch so überzeugt, dass ich so schlimm aussehe, dass ich die Flucht nach vorn gemacht habe. Ich bin einfach total locker gewesen, weil ich dachte, also für Männer bin ich ja jetzt…

Aber das ist ja eben dann auch ganz entspannend

Es ist im Grunde genommen doch das Gleiche, wie bei Dir. Schon hat das eine Komponente, weil ich dachte, okay, so wie ich aussehe, findet mich sowieso kein Mann gut.

Man geht ja normalerweise als Frau automatisch in so eine Abwehrhaltung und da denkt man, man muss sich davor schützen, dass die Männer immer irgendwie gleich meinen, die wollten einen heiraten oder so. Als wär man ein wandelndes Heiratsmarktobjekt und das war eben da komplett weg, ich hab’ in den Spiegel geguckt und gedacht: Nee, die spricht kein Mensch an. Die sieht so sch… aus. Und dann war ich viel lockerer als sonst.

Ja.

Viel lockerer, weil ich nicht in diese defensive Haltung gehen musste, dachte ich, musste ich überhaupt nicht. Und da habe ich Deinen Vater kennengelernt. Und das ist ja schon auch witzig. Das ergibt dann doch ´ne kleine Parallele vielleicht.

Ja obwohl ich mich ja nicht unattraktiv fühle, aber halt nicht

Du siehst ja auch nicht unattraktiv aus, aber genau – also dieses Minipli-Ding das sah einfach so was von einfach und billig aus.

Ja, ich kenne das ja noch von Fotos.

Ja, es sah billig und schrecklich aus. Fand ich. Es hat meine eigene Definition von Schönheit und von dem, was man ausdrücken will, wenn man als Erscheinung irgendwo hin kommt eben überhaupt nicht entsprochen. Und insofern fühlte ich mich dann doch schon irgendwie meinem visuellen Selbstverständnis amputiert, sozusagen. Das war wahrscheinlich schlimmer als das, was Du jetzt gemacht hast.

(überlegt) Ja, ja.

Von meinem eigenen Selbstbild her…

Aber was dachtest Du denn? Du dachtest am Anfang tatsächlich, das wäre jetzt irgendwie so’n Rebellionsding bei mir. Das war so der erste Gedanke, den Du so hattest?

Ich hab Dich gesehen und hab gedacht, „Upps, was ist das jetzt?“

Weißt Du was ich interessant fand? Du hast ja schon, bevor ich die Mütze abgenommen hab,  gesagt, „Du siehst so anders aus heute.“ Und das fand ich echt interessant.

Das hast Du gesagt. Und Anna (?), meine beste Freundin, Ihr beiden, die mir so nah sind, habt das, bevor ich die Mütze abgenommen habe, gesagt, „Heute siehst Du so anders aus.“

Das weiß ich gar nicht mehr, aber das ist natürlich auch so, ich guck mir meine Kinder, wenn ich sie treffe, immer an, und man nimmt auch Dinge wahr, wahrscheinlich hab ich so halb unbewusst wahrgenommen, dass irgendwas verändert ist. Und die Haare können es ja nicht gewesen sein, weil die waren ja unter der Mütze.

Ja eben.

Das ist ja total verrückt.

Ja, das ist total verrückt. Also dass Ihr beiden Frauen, die ihr mir so nahe seid, seht, da ist was anders.

Da stimmt was nicht.

Und dann wiederum, ist wahrscheinlich auch so ein Ding, weil ich mich auch wirklich sofort anders gefühlt habe.

Meinst Du, das war, weil Du Dich anders gefühlt hast? Weil sehen konnte ich es ja nicht.

Ja, aber ist vielleicht so ein Ausstrahlungsding wahrscheinlich.

Und man nimmt natürlich als Mutter sehr sensibel wahr, wie sich ein Kind gerade fühlt. Meint man jedenfalls.

Ja, das war total beeindruckend. Aber was hast Du denn gedacht? Was wolltest Du gerade noch sagen?

Ja, also. Die Mütze war ab. Ich hab das gesehen und hab’ irgendwie im ersten Moment gedacht, sieht gut aus. Aber irgendwie habe ich mich natürlich gefragt: Warum hat sie das gemacht? Und hatte aber selber keine Antwort darauf.

(lacht)

Und dann habe ich diesen frechen Spruch gebracht, so nach dem Motto, …

… Du bist ja nicht mehr 13…

Eigentlich ist das ja was, was man mit 13 macht. Aber eigentlich war ich mich auch sicher, dass natürlich das nicht so ist, sonst hätte ich das auch so nicht gesagt.

Ja, ja.

Das ist ja das auch.

Artikel von

4 Kinder, 1 Enkel, 1 Ehemann, Mompreneur: Gründerin der AKADEMIE FÜR MATRISOPHIE® mit MOTHERBOOK®, BLOMM + ...

Hallo,
Bitte hinterlassen Sie uns einen Kommentar.

Die Motherbook-Autoren versuchen, alle unerwünschten Beiträge fernzuhalten. Trotzdem ist es uns nicht möglich, alle Beiträge zu überprüfen. Motherbook kann deshalb nicht für den Inhalt der Beiträge verantwortlich gemacht werden. Jeder Nutzer trägt für seine Beiträge die Verantwortung. Wir weisen darauf hin, dass Beiträge, die gegen geltendes Recht verstoßen, auch im Internet der Strafverfolgung unterliegen und zur Anzeige gebracht werden können.

Kommentar hinterlassen

css.php