Ist „Vereinbarkeit“ zum Unwort geworden?

Unter Zeitdruck / Under deadline pressure

Wir haben schon von unserem Besuch auf der Multiplikatorenveranstaltung zum Thema „Die neuen Väter und ihre Unternehmen“ berichtet. Für mich gab es dort bemerkenswerte Tatsachen:

1. Die Besucher waren weit über die Hälfte weiblich (– wie viele Männer besuchen Veranstaltungen zu „Frauenthemen“?)

2.  Die Abstimmungen, an denen das Publikum teilhaben konnte, sind sehr „konservativ“ ausgefallen – zu Lasten und gegen die neuen angepriesenen Entwicklungen – Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist und bleibt demnach schwierig.

3. Prof. Bertram von der Humboldt-Universität zu Berlin hat in seiner „Keynote Speech“ ein Lebensmodell als zukunftsweisend aufgezeigt, als würde er aus meinem Leben berichten – von der Sache her logisch, doch für mich an dieser Stelle völlig überraschend.

Prof. Dr. Bertram, HU-Berlin

Das möchte ich hier einmal genauer darlegen: Er zeigte auf, dass angesichts des demographischen Problems in Deutschland und der enormen Belastung in der „Rushhour des Lebens“ folgende Biographie ein zukunftsweisendes Modell sein könnte: Die Lebenserwartung einer Frau liegt inzwischen bei fast 100 Jahren. Sie braucht etwa 25 Jahre für Schule, Ausbildung, Studium. In den nächsten 25 Jahren bekommt sie ihre Kinder – möglichst viele (für den Staat ist das inzwischen existenziell) – und zieht sie groß. Wenn sie dann etwa 50 Jahre alt ist, sind die Kinder aus den Gröbsten heraus und dann hat sie noch die Hälfte ihrer Lebenszeit vor sich, hat sehr viel gelernt, ist fit und belastbar. Für die nächsten  25 Jahre kann sie noch eine brillante Kariere machen und hat dann noch viele Jahre Zeit, um mit Stolz auf ihr Leben zurückzublicken und es zu genießen. – Das entspricht genau meiner Idee von einem neuen Lebensphasenmodell, was ich für zukunftsträchtig halte…

So weit so gut! Prüfen wir dieses Modell einmal an der Realität und da nehmen wir einfach mich als Beispiel: Am Ende meines Jura-Studiums habe ich mit der „Reproduktionsphase“ begonnen und vier Kinder bekommen,  für deren „Aufzucht“ habe ich mir die Zeit genommen, die wir dazu brauchten. Mit 50 Jahren habe ich zwei zusätzliche Hochschulabschlüsse gemacht, um die nächsten Aufgaben, die ich mir vorgenommen hatte,  leichter angehen zu können. Anschließend habe ich mein Unternehmen gegründet und versuche – jetzt mit ganzer Kraft (denn meine bisher wichtigsten Aufgaben sind größtenteils abgearbeitet) – daraus etwas zu machen.

Da es mich interessiert hat, habe ich beim Statistischen Bundesamt nachgefragt wie viele vergleichbare Frauen es in Deutschland gibt. Dazu gibt es keinen Wert: Eine Mutter von vier Kindern, die Akademikerin ist und keinen Migrationshintergrund hat, gehört in Deutschland zu einer statistisch irrelevanten Minderheit. Beim Statistischen Bundesamt gibt es nur für die Gruppen keinen Wert, die so klein sind, dass sie statistisch irrelevant sind – wir haben auch nach gründlicher Suche mit einer Mitarbeiterin des Amtes keinen Wert zu unserer Frage ausfindig machen können. Kein Kind, ein Kind oder auch zwei, dafür gibt es Werte, in der Kategorie „vier und mehr Kinder“ mit obigen Zusatzkritieren schweigt sie Statistik.

Dazu kommen noch folgende Aspekte:

  • Über 2/3 der Gründer sind unter 45 Jahre.

 

Fasst man diese Vorgaben einmal zusammen, so scheint meine Situation durch ein echtes Alleinstellungsmerkmal gekennzeichnet zu sein: Mutter von vier Kindern und die Unternehmensgründung als Mompreneur mit großen Kindern. Das ist doch wirklich schade!!

Dabei ist die Gründung eines Startups für Mütter eine gute Möglichkeit in freier Zeitaufteilung viel zu bewegen. Eine Großfamilie wird immer Zeit und Raum brauchen und eine Unternehmerin kann die dafür nötige Flexibilität einrichten und nutzen.

So fällt bei der lautstark diskutierten Vereinbarkeitsdebatte immer wieder auf, dass kaum wirklich tragfähige Lösungen gefunden werden. Gebraucht werden neue Denkansätze und dazu gehört die Kultivierung neuer Lebensphasenmodelle, die die „Rushhour des Lebens“ entzerren und die enorm gestiegene Lebenserwartung berücksichtigen. Ein Staat mit einer Geburtenrate von 1,3 Kindern pro Frau kann sich keine Rentner leisten, die über vier Jahrzehnte sehr viel Geld kosten.

 

Alle Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenrate haben sich bislang als  vollkommen wirkungslos erwiesen. Als Mutter einer kinderreichen Familie staune ich über die Tatsche, dass sich meine unentgeltliche Arbeit (oder wie soll man diese Tätigkeit nennen), die ich über viele Jahre in 14-16 Stunden-Tagen ohne Wochenende und mit wenig Urlaub geleistet habe, nicht in meinen Rentenanwartschaften niederschlägt…

Für mich ist Vereinbarkeit ein „Unwort“… Arbeit und Familie bilden für mich eine Einheit und es gibt für mich nur den Unterschied zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit! Bezahlte Arbeit muss man nicht in allen Lebensphasen leisten, aber so lange man gesund und fit ist, kann man viel einbringen. Die „Rushhour des Lebens“ zu entschleunigen und Kindern einen guten Einstieg ins Leben zu ermöglichen, kann sehr beglückend sein!! … Wenn das nicht in Altersarmut mündet oder/und gesellschaftlich missachtet und damit zu Druck auf Eltern mutiert.

Einmal neu gedacht: Was muss sich wirklich ändern?

Wer hat Ideen dazu? – Je kreativer, desto besser – wir sind gespannt!

 

Artikel von

4 Kinder, 1 Enkel, 1 Ehemann, Mompreneur: Gründerin der AKADEMIE FÜR MATRISOPHIE® mit MOTHERBOOK®, BLOMM + ...

Ein Kommentar

  1. Wen Dula
    Wen Dula at | | Rückmeldung abgeben

    Hallo, ich bin dreifache Mom und Kauffrau, 50 Jahre alt und Alleinerziehend. Entschuldigung das ich das jetzt sage, aber nicht jede ist Superwoman und hat mit 50 noch so viel Energie, wie mit 25. Und ich finde es absolut blöde, andere Menschen derart unter Druck zu setzen. Schön werden wir eben 100 Jahre alt, aber eben nicht alle. Kopfschüttel!

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