Mein Leben als Künstlerin

pieta-2-Susanne Schirdewahn

Als ich neunundzwanzig Jahre alt war, habe ich zwei Kinder bekommen. Das eine war ein echtes, an die dreieinhalb Kilo schwer und weit über 50 cm lang und es nieste laut nach der Geburt, so dass wir es prompt Nils nannten. Das andere Kind war eigentlich schon vorher anwesend, es wuchs heimlich, weil es nicht von allen akzeptiert wurde. Vor allem von seinen Großeltern nicht, die sich Sorgen um meine Zukunft machten. Kunst! Nein, damit konnte man in meiner sicherheitsbedürftigen Familie keinen Blumentopf gewinnen. Dabei war ich genau mit dieser Familie oft genug in Museen gewesen, um die Großen der Kunst zu bewundern, zwischen denen sich auch hin und wieder eine Frau befand, die nicht nur liebende oder leidende Muse war, sondern sich selbst als Malerin einen Namen machte. Marianne von Werefkin, Paula Modersohn Becker, Frida Kahlo, Gabriele Münter…Ich habe schon früh angefangen zu malen, was sich bei einem Mädchen eigentlich immer gut macht, ähnlich wie Klavierspiel, weil es von Bildung und Gewandtheit zeugt. Aber daraus einen Beruf zu machen? Das ist doch brotlos, bekam ich in der Zeit ums Abitur herum immer wieder zu hören. Damals hatte ich eine Kunstlehrerin, die es mir auch nicht leicht machte. Ich sollte eine Facharbeit in meinem Leistungsfach schreiben und wollte erst zu meiner Lieblingsmalerin Marianne von Werefkin arbeiten, als ich in ihrer Biografie las, dass sie für den dann viel berühmteren Alexej von Jawlensky den Pinsel quasi an den Nagel gehängt hatte. Das kam mir ob ihrer berührenden Begabung fast wie ein Verrat vor. Lieber zu kochen und die Karriere des Mannes voran zu bringen, als den eigenen Stimmen zu folgen. Und die mussten doch laut genug sein! Meine eigene innere Stimme revoltierte und ich beschloss, statt zu schreiben, selbst zu malen, eine ausführliche Werksammlung zum Thema Akt in der expressiven Malerei, wozu ich mit 18 Jahren alte, junge, sehr schräge Modelle, oft meine Freunde nackt in mein Jugendzimmer bat. Bei der Abgabe meiner Facharbeit also beäugte meine Lehrerin mein größtes Ölgemälde und kritisierte die Färbung der Brustwarzen. Die seien zu dunkel geraten. Das sei dann pornografisch statt Kunst. Und wenn ich das nicht ändern würde, würde sie mir eine deutlich schlechtere Note geben. Ich hatte ein halbes Jahr lang daran gearbeitet. Zähneknirschend habe ich sie heller gemalt und beschlossen, nicht auf die Akademie zu gehen, um mich nie mehr kompromittieren lassen zu müssen. Aber mit den Kompromissen ist das so eine Sache. Sobald man Kinder hat, gehören Kompromisse zum täglich Brot. Nur in der Kunst- zumindest glaube ich das- sollte man davon ablassen. Kunst, Kultur müssen aufs Ganze gehen, risikobereit das Unmögliche wagen, neue Wege suchen, etwas erfinden. Inzwischen habe ich zwei Söhne, die diesen täglichen Wahnsinn, diese unverschämte Gratwanderung ganz gut mitmachen. Schließlich wachsen wir alle zusammen, jeder auf seine Art. Dennoch beschäftigt mich immerzu, warum es gerade Künstlerinnen so schwer gemacht wird, sich intensiv ihrer Arbeit zu widmen und gleichzeitig Mutter zu sein. Soweit ich weiß, gibt es keine Künstlerinnenförderung für Mütter, die ja nicht einfach ein Stipendium mit Residenzpflicht in „Jottwede“ annehmen können. Bei meinen Recherchen habe ich nur in NRW eine Möglichkeit entdeckt, wozu speziell diese Künstlerinnen gefördert werden . Viele meiner Kolleginnen haben inzwischen für die Familie eine lange Kunstpause eingelegt oder arbeiten als Kunstlehrerinnen, manche machen Kinderkunst. Viele erfolgsorientierte Galeristen belächeln das und schreiben sie im Grunde auch für die Zukunft ab. Liegt es auch daran, dass die Kunstgeschichte wenig positive Beispiele hergibt von malenden Müttern? Die oben genannten Künstlerinnen hatten keine eigenen Kinder, Paula Modersohn Becker starb bald nach der Geburt ihrer Tochter und soll auf dem Totenbett: „Wie schade“ gesagt haben. „Schade“ sage ich jetzt nur ganz leise. Frauen unserer Zeit haben viel dazu gelernt, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft. Sie erfinden täglich großartige Lösungen, malen mit Acryl statt mit kinderunverträglichem Terpentin, also Öl. Auch die Väter spielen zum Glück ganz oft eine andere, helfende Rolle. Ich habe auch Glück gehabt. Aber in Kunstkreisen überlege ich mir immer zwei Mal, ob und wann ich erzähle, dass ich (nebenbei) auch noch Mutter bin.

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Künstlerin, 2 Kinder

Ein Kommentar

  1. Künstlerin und Mutter sein – Atelier 2017

    […] Ehrlicher Bericht einer Künstlerin und Mutter […]

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