#regrettingmotherhood – Kinder fordern uns heraus

Seit weit mehr als 10 000 Tagen bin ich Mutter und das ist weit mehr als die Hälfte meines Lebens. Meine vier Kinder sind untrennbar eng mit meiner Biographie verwoben und sind meine größten, herausforderndsten und wichtigsten „Projekte“, lebenslang.

Am Karfreitag hatte ich den Beitrag der „Süddeutschen“ zu #regrettingmotherhood bei MOTHERBOOK/facebook geteilt mit folgendem Kommentar:

‚ „Kinder sind das größte Glück? So will es die Gesellschaft. Doch viele Frauen bereuen ihre Mutterrolle. Erkundungen zu einem verbotenen Gefühl.“ – Für viele kaum vorstellbar, doch anscheinend traurige Realität… drohen die Voraussetzungen für Mutterglück unserer Gesellschaft abhanden zu kommen?!?‘

Der Artikel hat mich sehr bewegt und auch einen Sturm bei vielen anderen ausgelöst: es gibt allein schon bei den Familien-Bloggern eine große Anzahl von bemerkenswerten und berührenden Beiträgen zum Thema, hier eine Sammlung zu #regrettingmotherhood

In den letzten Tagen saß ich mit Anke von unserem MOTHERBOOK-Team zusammen und wir beide stellten unsere Betroffenheit hinsichtlich der Beitrags-Lawine zu #regrettingmotherhood fest. Eine Mischung aus Mitleid, Empörung, Verständnis, Trauer, der Neigung zu Vorverurteilung und eine Welle der Selbstreflexion der eigenen Mutterrolle und der vielfältigen Phasen, die wir in diesem Zusammenhang durchlaufen haben, überrollte uns.

Wir beide gehen sehr in den Aufgaben mit unseren Kindern auf und haben uns nach einer intensiven und emotionalen Debatte entschlossen, beide zu diesem Thema Stellung nehmen zu wollen.

 

 Meine Kinder – die wichtigsten Personen in meinem Leben

Meine Kinder sind in meinem Leben eine sehr, wenn nicht gar DIE zentrale Aufgabenstellung. Sie haben zu meinen größten und glücklichsten Momenten beigetragen. Für mich waren die Baby-, Kleinkind- und Kinderjahre trotz großer Anstrengungen einfach nur Sonnenschein, ein wahres Wunder… auch wenn ich manchmal bis an meine Grenze gefordert war.

Kinder, Kinder – MOTHERBOOK®

 

 Grenzerfahrungen während der Pubertät der Kinder

Als der erste Sohn in die Pubertät kam, sagte ich oft scherzhaft: „Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, ist das für Mütter wie die Vertreibung aus dem Paradies.“ Ein einziges Mal war ich in einem ziemlich flachen Boulevard-Theater am Ku’Damm und prägte mir einen Satz ein, der bis heute haften geblieben ist: „Wenn die Kinder klein sind, könnte man sie fressen, so süß sind sie! Wenn sie dann groß sind, ärgert man sich, dass man es nicht getan hat!“ – Großes Gelächter im Saal…

Jeder versteht, was damit gemeint ist – ein Funke Wahrheit liegt halt in jeder lustigen Pointe.

 

Ich liebe (meine) Kinder und wachse mit dieser Liebe förmlich über mich hinaus und werde ungeheuer leistungsfähig und kreativ, auch über große Schwierigkeiten und Müdigkeit hinweg.

Meine persönlichen Grenzen habe ich erst in der Zeit der Pubertät meiner Kinder erfahren müssen und das wiederholt. Das hat sich wirklich als meine Achilles-Ferse herausgestellt. Ich habe in dieser Zeit immer wieder sowohl emotionale, als auch intellektuell-rationale Grenzsituationen erlebt. Manchmal war ich traurig, mal verzweifelt, mal fühlte ich mich unzulänglich, fast unfähig und habe immer wieder an mir selbst gezweifelt.

Nicht falsch verstanden: alle unsere vier Kinder haben sich zu interessanten Persönlichkeiten entwickelt und es ist während ihrer Entwicklung nichts „schief gegangen“. Sie haben meist ihre Ziele erreicht und viele Herausforderungen angenommen und positiv bewältigt, also es gibt für mich kein Grund zur Klage…

Die Sorgen mit kleineren Kindern kamen mir jedoch vergleichsweise wirklich klein vor. Manchmal dachte ich an die langen Stillzeiten und -nächte zurück und empfand sie als so unbeschwert, verglichen mit der Situation, wenn ein bockiger Teenager in der Nacht das Handy abstellt, einfach nicht erreichbar ist und meint, keine Rückkehrzeiten einhalten zu müssen (oder zu wollen).

Wenn dann immer wieder von nächtlichen S-Bahn-Schlägereien mit gebrochenen Nasenbeinen o.ä. mit jugendlichen Opfern aus dem Umfeld der Kinder berichtet wird, kann man immer wieder sich selbst zu beschwichtigen versuchen, muss aber doch sehr genau hinschauen. Dabei hoffen wir feinfühlig, souverän und geschickt genug zu sein, dass uns keine Gefährdungen entgehen und so viel Vertrauen den Kindern entgegen zu bringen wie angebracht ohne allzu „blauäugig“ zu sein.

„Alle dürfen länger ausgehen als ich!“ – „Alle trinken Alkohol – du hast ja keine Ahnung!“ – „Alle kiffen!“ – „Drogen gibt es sowieso überall, alle Sorten, schon auf jedem Schulhof!“ „Der Musterschüler XYZ trinkt doch am allermeisten!“ „Nachts abholen ist voll peinlich!“ Wenn man es dann doch mal tut, weil man „zufällig“ in der Nähe auf einem Fest war, ist es immer zu früh… wenn man dann den volltrunkenen Mitschüler im Auto hat, der vor seiner Haustür nicht mehr aufweckbar ist und man mit sich ringt, ob man ihn doch nicht lieber in die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses bringen muss, dann fragt man sich, was man falsch gemacht hat und was faul an unserer Gesellschaft ist, dass die Jugendlichen in so großer Zahl so sehr über die Stränge schlagen wollen.

Pubertät: eine Herausforderung der Eltern – MOTHERBOOK®

„Chill‘ mal Mama!“ Eine Aufforderung zum Cool-Sein an mich – ich bin nicht „cool“, will auch nicht cool sein, nein – ich möchte Kinder haben, die souverän genug sind, sich dem „Mainstream“ unter den Jugendlichen zu entziehen, die eigene Maßstäbe setzen und sich nicht von jedem Trend mitreißen lassen…

 

 Schlaflose Nächte und das Gefühl des Ausgeliefertseins

Für mich waren das Situationen, die mich mehr schlaflose Nächte gekostet haben, als die Babyphasen und nicht nur das: es hat mich einfach mehr Kraft gekostet, weil ich mich manchmal so machtlos fühlte und an mir immer wieder so starke (Selbst-) Zweifel nagten.

Jeder Mitmensch weiß, wie wenig eine Mutter von einem Neugeborenen schlafen kann – viele haben wenig bis kein Verständnis dafür, wenn man sich von pubertierenden Kindern den Schlaf rauben lässt… Viele Eltern von Pubertierenden schauen nicht so genau hin, viele kapitulieren, viele finden keine Maßstäbe für Grenzen.

Der Begriff „ErziehungsARBEIT“ wurde mir erst in dieser Zeit in seinen Dimensionen bewusst. Kleine Kinder können jederzeit von einem Babysitter beaufsichtigt werden – bei den Großen ist die „zurückgenommene Anwesenheit“ von liebenden Vertrauenspersonen unabdingbar und kaum durch andere Personen zu ersetzen.

In dieser Phase werden viele Jugendliche in ein Internat geschickt, was im Einzelfall auch eine Lösung sein kann – es ist aber immer auch ein Stück Kapitulation dabei. Auslandsaufenthalte können sehr heilsam sein, aber es badarf einer sehr guten Einschätzung der Eltern hinsichtlich der schon entwickelten Charakterfestigkeit der Teens.

 

Kinder werden ein Teil positiver Bilanz eigener Lebensleistung

Die schwierigste Phase mit meinen Kindern hat viele Jahre gedauert und doch möchte ich sie inzwischen kaum missen. Ich habe unendlich viel gelernt! Hier zeigt sich der Vorteil der Großfamilie: wenn eines der Kinder mir große Sorgen bereitete, war es 100% sicher, dass eines der anderen Kinder gerade auf irgendeinem Gebiet einen „Höhenflug“ hatte, der mich faszinierte und beeindruckte. Es gab immer, ausnahmslos immer einen Ausgleich für Sorgen und Nöte.

Insofern bin ich sehr dankbar für meine Großfamilie, ja sogar für meinen „Clan“: die Gesamtheit dieser Personen schützt mich vor allzu intensiven Misserfolgserlebnissen und zeigt Potenziale mit Hoffnungsschimmern hinsichtlich einer positiven Lebensbilanz auf…

Nun sind alle Kinder so weit selbstständig, dass ich zwar intensiv Anteil an ihrem Leben nehme, aber mich nicht mehr für alles verantwortlich fühle. Die Betrachtung dieser jungen Energiebündel, die sich jetzt einen eigenen Weg durch den „Lebens-Dschungel“ bahnen, macht mir große Freude und manchmal bin ich sehr stolz auf jeden von ihnen. Wenn mich mein Enkel anstrahlt, könnte ich jedes Mal laut jubeln… Als Bilanz kann ich nur eines spüren: Jede Mühe hat sich gelohnt, jede Minute Schlafentzug, jede Sorge, jedes schwer zu lösende Problem. Manchmal meinte ich vorübergehend Entscheidungen bereut zu haben. Niemals werde ich nur eine einzige Minute bereuen Mutter geworden zu sein.

Eines weiß ich sicher: hätte ich keine Kinder, wäre ich jetzt unzufriedener und hätte weniger Anlass für Lebensfreude.

Daneben bin ich aber nicht blind für die Sorgen und Nöte anderer „Mitmütter“ – unser romantisches Bild einer immer rosaroten Mutterschaft hält dem „Praxistest“ nicht stand. Noch so viel Liebe einem eigenen Kind gegenüber wird auf eine harte Probe gestellt, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Mutter unerfüllbare Aufgaben abverlangt. Letztlich geht das dann zulasten der Beziehung zum Kind.

 

Was wir alle tun können:

Wir alle können uns folgendes bewusst machen:

Ein Kind spürt sehr deutlich, wenn es nicht wrklich in sein Umfeld passt.

Auch eine Mutter ist nur begrenzt belastbar, physisch, psychisch, finanziell, ideell…

Die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen fordern Müttern unrealistische Leistungen ab.

Wir können alle zu besseren Konditionen und einer zu positiveren Grundstimmung für die „Ankunfts- und Entwicklungsbedingungen“ von Kindern beitragen, sodass niemand mehr benachteiligt wird, weil er eine Mutter oder deren Kind ist…

Nach wie vor ist es für Väter einfacher sich der Verantwortung zu entziehen – dagegen hilft nur Bewusstseinsarbeit…

 

Artikel von

4 Kinder, 1 Enkel, 1 Ehemann, Mompreneur: Gründerin der AKADEMIE FÜR MATRISOPHIE® mit MOTHERBOOK®, BLOMM + ...

2 Kommentare

  1. #regrettingmotherhood - Lesesammlung - Vereinbarkeitsblog Vereinbarkeitsblog

    […] dem vollen Erfahrungsschatz schöpft Gabriele vom Motherbook. 4 eigene Kinder, ein Enkel – und alle Höhen und Tiefen aus […]

  2. Nic* von minimalistmuss.com

    Viele interessante Gedanken.
    Vieles bei dem ich, aus Muttersicht, noch nciht mitreden kann, weil meine noch klein sind. Ich bin gespannt wie das bei mir und den meinen so sein wird.
    Aber als Person die damals „der gesunde Menschenverstand der Teenagergruppe“ war, muss ich auch ganz klar sagen das viele meiner Freunde einfach „zu perfekt“ aufgewachsen sind. Die Probleme und Ängste der Eltern waren nie Teil der Kinder. Ich plädiere immer stark dafür das Teenagern zugetraut wird mit der Erwachsenenwelt und deren Problemen konfrontiert zu werden. Ich wußte z.B. schon früh was „Vegetarier“ sind und warum wir manchmal welche waren.

Hallo,
Bitte hinterlassen Sie uns einen Kommentar.

Die Motherbook-Autoren versuchen, alle unerwünschten Beiträge fernzuhalten. Trotzdem ist es uns nicht möglich, alle Beiträge zu überprüfen. Motherbook kann deshalb nicht für den Inhalt der Beiträge verantwortlich gemacht werden. Jeder Nutzer trägt für seine Beiträge die Verantwortung. Wir weisen darauf hin, dass Beiträge, die gegen geltendes Recht verstoßen, auch im Internet der Strafverfolgung unterliegen und zur Anzeige gebracht werden können.

Kommentar hinterlassen

css.php