Über die Wegwerfwindel und eine Alternative aus China

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Die Wegwerfwindel als Zwischenschritt zur Emanzipation der Mütter

Eines Tages in den 50’ziger Jahren zerschnitt Marion Donovan ihren Duschvorhang und bastelte daraus eine Windel mit Stoffeinlage für ihr Baby. Sie war fasziniert von ihrer Idee und den Möglichkeiten sowie den neuen Freiheiten, die sich damit für Mutter und Kind ergeben könnten. Ihre Erfindung zu vermarkten blieb leider ohne Erfolg und es war schließlich Victor Mills dem es gelang die Windel berühmt zu machen  – die Marke Pampers wurde geboren. Heute ist diese Marke 7,5 Milliarden Euro wert und wächst immer weiter. Pampers gehört zu einem der größten Markenhersteller weltweit, zu Procter&Gamble. Dieser ist mit einem Marktwert von 218,5 Milliarden US Dollar Marktführer in Sachen Schönheit, Hygieneartikel, Babypflege, Gesundheit, Tiernahrung, Haushalt und Snacks. Erst in den 70ziger Jahren eroberte die Windelrevolution auch Deutschland und verpackte so immer mehr kleine Babyhintern. Um die Windeln zu dem zu machen was sie heute sind, waren jahrelange und kostenaufwendige Forschungen notwendig. Ihre Herstellungsart, ihr Design und ihre Fähigkeit Flüssigkeit so gut in sich aufzunehmen, sind dabei hoch komplex. Die super Absorbkraft der Windeln wird durch eine Außenhülle aus Polyethylen und einem Saugkörper aus Zellstoffmaterial und Polymersalzen gewährleistet – die Windeln vollbringen damit wahre Wunder. Der Werbeslogan von Pampers beschreibt somit ganz treffend: „Auch wenn sie nass sind, sind sie trocken“.

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Heute haben wir der Wegwerfwindel viel zu verdanken – man könnte sagen, dass sie ein Stück Emanzipation der Frau bedeutete. Sie machte das Leben so viel einfacher und reinlicher und sie steht in gewissermaßen für unsere heutige Konsumgesellschaft. Man könnte, was die Windel betrifft, vielleicht aber auch fragen: hat sie uns nicht einen Teil der Verantwortung genommen, die uns so leicht doch nicht genommen werden kann?

 

Die Wegwerfwindel als Umweltbelastung

Alleine in Deutschland sind es jährlich 3 Milliarden Wegwerfwindeln die auf der Müllkippe landen und heute ein gewaltiges Umweltproblem darstellen. Dieses Problem ist nur innerhalb einer einzigen Generation entstanden und spitzt sich von Generation zu Generation immer weiter zu. Die Windeln verseuchen das Grundwasser und sind aufgrund ihrer komplexen Stoffe nicht recycelbar – zersetzten sich also kaum und sind daher sehr langlebig. Eine Windel überdauert ungefähr 300 Jahre bevor sie langsam zerfällt. Auch bleibt die Frage offen, welche Auswirkungen die Inhaltsstoffe der Windeln auf die Kinder haben, da die Hersteller nicht verpflichtet sind hierzu irgendwelche Angaben zu machen.

 

Die Wegwerfwindel und deren Einfluss auf die Sauberkeitserziehung

Leider gibt es so gut wie keine Studien darüber, die die Gesundheit der Babys untersucht, welche die Windeln ja mindestens 2 Jahre lang am Körper tragen. Interessant ist auch zu beobachten, dass Kinder in der westlichen Welt immer später trocken werden und die Windelanzahl pro Kind steigt, da auch Windeln für ältere Kinder sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Sogenannte „Trainingswindeln“ oder spezielle „Pyjamawindeln“ oder „Pull-Up Windeln“ sind speziell von den Herstellern für ältere Kinder erdacht. In der Werbung und auf Werbefotos werden heute zum Teil fünf oder sechs jährige Kinder in Pull-Ups oder Trainingswindeln gezeigt – sie leben somit anscheinend etwas ganz selbstverständliches vor. In den USA und in Frankreich sind Schulen und Kindergärten oft überfragt mit der immer häufigeren Zahl von Windelkindern, sie können und dürfen diese eigentlich nicht aufnehmen. So ist es den Herstellern gelungen das Alter, indem Kinder normalerweise schon lernen aufs Töpfchen zu gehen, deutlich nach hinten zu verschieben.

Windeln im Westen – MOTHERBOOK®

 

Die Sauberkeitserziehung weltweit

Aber wie sieht es in anderen Ländern und Kulturen aus? Tatsächlich ist die Windel ja nicht überall auf der Welt so vor zu finden und ca. 70% der Babys weltweit wachsen in Kulturen auf ohne jemals gewickelt zu werden. In Asien, Indien, China oder Afrika beispielsweise findet man noch ganz andere Methoden mit dem Thema der Babyhygiene umzugehen. In Senegal werden Kinder noch ganz klassisch mit der Methode des Abhaltens aufgezogen – diese ist, fern ab der Windelindustrie, tatsächlich auch sehr stark verbreitet.

In Papua Neuguinea wachsen die Kinder in einem Umfeld auf, wo sie für gewöhnlich immer nackt herum laufen. Wenn die Mutter zum Markt oder in die Kirche geht, also zu speziellen Anlässen, bekommen die Babys eine Windel angezogen. Passiert das aber zu oft beschweren sich die Männer, da es in Papua Neuguinea keine Müllabfuhr gibt und für jede verbrauchte Windel ein Loch gegraben werden muss, um die Windel zu entsorgen.

Woran aber liegt es, dass gerade wir in den westlichen Kulturen die Wegwerfwindel erfunden haben? Was unterscheidet uns in dieser Hinsicht von den anderen Kulturen – sind es nur die bestimmten Ökosysteme in denen Kinder nackt herum laufen können, in denen Mutter und Kind noch einen engen und näheren Körperkontakt hegen können oder hängt es auch mit unterschiedlichen Moral- und Sittenvorstellungen zusammen?

 

Unser westliches Körperempfinden und unser „Perfektionswahn“

Wir in der westlichen Welt haben ein großes Bedürfnis nach Reinlichkeit, Sauberkeit, Schönheit, Erfolg und allem was wir damit noch verbinden. Die Farbe Weiß kann uns z.B. ein Gefühl von Reinlichkeit suggerieren und das Beschmutzen, der Fleck auf dem Weiß kann auf dem weiß strahlenden Hintergrund, als sehr extrem empfunden werden. Es ist wie eine Scham, etwas, dass so schnell wie möglich beseitigt werden sollte, denn sie gefährdet unsere „Erhabenheit“ über das Unreinliche, Hässliche, das nicht dem Ideal entsprechende. Jeden Tag werden wir mit Bildern aus Medien und Werbung überschüttet aus denen uns Makellosigkeit, Vollkommenheit und Jugendlichkeit entgegen strahlen. Dieses Schönheitsdiktat hinterlässt häufig Unsicherheit, so sind z.B. nur 10% der deutschen Frauen zufrieden mit ihrem Körper und Aussehen, die anderen 90% sind es hingegen nicht. Entsprechen wir also nicht dem Ideal entwickeln wir häufig Gefühle der Scham und Minderwertigkeit. Besonders unseren eigenen Körper betreffend ist die Scham ein häufig verbreitetes Gefühl. Sich für etwas zu schämen ist jedoch keineswegs angeboren, sondern entwickelt sich mit der Moral, den sozialen Regeln und Vorstellungen einer Gesellschaft ganz individuell. Schämt man sich, sieht man sich mit den Augen der Anderen und versucht unter dieser Perspektive als gesellschaftliches Wesen zu bestehen. Interessant ist, dass wenn man in andere Kulturen schaut, es schnell auffällt, dass nicht überall die gleichen Körperschamgrenzen gelten. In manchen Kulturkreisen sind diese Grenzen schon dann überschritten wenn z.B. jemand seine Schulter oder seine Füße entblößt.

 

Chinas unverkrampfter Umgang mit öffentlichen Toiletten

In China aber habe ich z.B. ganz andere Erfahrungen diesbezüglich gemacht.In meinen ersten Jahren hier war ich sehr erstaunt darüber, wie frei und ungezwungen man dort rülpste, auf den Boden rotzte, beim essen Knochen auf oder unter den Tisch spuckte, öffentlich erbrach, ungeniert furzte und ganz unbekümmert Wasser ließ, oder seine Notdurft verrichtete. Erstaunt war ich z.B. auch als mir eines Tages bei einem Ausflug nichts anderes übrig blieb, als auf eine der öffentlichen Toiletten zu gehen. Es gab weder Türen noch Trennwände und als ich dort in der Hocke saß, so froh nun endlich meiner Blase Erleichterung zu verschaffen, bekam ich plötzlich Gesellschaft von drei tratschenden Frauen. Abgesehen von einem kurzen Blick, den sie beim Reinkommen auf mich richteten, beachteten sie mich nicht weiter, ich aber versank währenddessen starr vor Schreck im Boden. Keiner der drei schien irgendwas dabei zu finden ihr lebhaftes Gespräch an Ort und Stelle einfach weiter zu führen, auch wenn eine der Damen dort scheinbar ein größeres Geschäft verrichtete. Im Vergleich zu den Körperschamgrenzen der Chinesen, so dachte ich während ich mich von der Toilette entfernte, würden wir Deutschen wohl recht verklemmt abschneiden. Mittlerweile schätze ich ihre Offenheit und unverklemmte Art und erfreue mich der Andersartigkeit.

 

Kaidangku – die achtsamkeitsbasierte Sauberkeitserziehung

Ähnlich zu meinem Erlebnis auf der öffentlichen Toilette, verhält es sich mit der Verrichtung der Notdurft chinesischer Kinder. Diese tragen Kaidangku, was literarisch mit „offener Schritt Hose“ übersetzt werden kann. Dabei verhält es sich so: durch die geübte Beobachtung und Interpretation der Verhaltensweisen des Kindes nimmt die Mutter Veränderungen in Mimik und Körperhaltung bei ihrem Kind wahr und spürt so im richtigen Moment, dass ihr Kind einen Drang verspürt. Dann greift sie das Kind unter den Kniekehlen und hält es ein Stück weit über den Boden in der Luft (Methode Abhalten). Zur Unterstützung und als Bekräftigung, dass es nun auch austreten darf, wird das Kind dabei zeitgleich von der Mutter akustisch mit einem leichten Pfeifgeräusch – einem langgezogenen „sssssss“ begleitet oder leicht geschüttelt. Durch diese Gewohnheit wird das Bewusstsein des Kindes für die eigenen Ausscheidungen schon früh gefördert und das Kind wird bestärkt sich bald selbst zu seinem Drang zu äußern. Tatsächlich sind diese Kinder viel früher trocken als jene, die mit den Windeln aufwachsen. Gerade wenn man nach China schaut, einem Land, dass sich innerhalb der letzten Jahre so rasant entwickelt hat und speziell in dessen modernen, internationalen Metropolen, ist dies interessant zu beobachten.

Man kann es nicht mit Senegal oder Teilen von Afrika, Indien oder Asien vergleichen, in denen die Ökosystem und der freierer Lebensstil in der Natur vielleicht die Andersartigkeit in Hygienefragen erklären würde. Trotz der Moderne, z.B. in einer Stadt wie Peking, sieht man hier überall, an allen möglichen öffentlichen oder nicht öffentlichen Stellen diese traditionelle Methode zum Einsatz kommen und niemand nimmt besondere Kenntnis davon. Es sind nur wir – die Ausländer, die sich darüber wundern oder gar darüber empören würden.

 

China und Indien im Visier der „Wegwerfwindel-Marktstrategen“

Leider sind es besonders Indien und China, welche nun von den Windelherstellern ins Visier genommen werden. China und Indien bilden die kinderreichsten Nationen der Welt und bieten einen riesigen potenziellen Markt. Gerade hier fließen Millionen in die Marktforschung, um die Chinesen davon zu überzeugen, dass Windeln für ihre Kinder besser sind als ihre Kaidangkus. Ein Werbespot zeigt z.B., dass Kinder die Windeln tragen viel intelligenter seien, da sie mehr Schlaf bekommen würden. Die Windel Hersteller setzten so eine bessere Schlafqualität mit einer besseren Gehirnleistung gleich. Durch die Ein- Kind- Politik ist es für Eltern das erste und einzige Mal, dass sie ein Kind großziehen können und sie wünschen sich daher für ihr Kind nur das Beste. Bildung und Erfolg spielen in der chinesischen Kultur eine große Rolle und das Argument der besseren Gehirnleistung durch Windeltragen scheint offenbar zu ziehen. Immer mehr greifen zur Windel. Momentan liegt der Umsatz zwar noch bei einem Viertel im Vergleich zu dem was in den USA verkauft wird, aber die Wachstumsprognose für die nächsten Jahre liegt bei 40% . Künftig müssen wir uns also auf noch größere Berge von gebrauchten Windeln weltweit einstellen.

 

Alternative Wickelmethoden im Vergleich

Doch was für Alternativen haben wir noch? Da gibt es die Windelhosen aus Stoff, die man nach Gebrauch einfach in der Waschmaschine wäscht und nach dem Trocknen wieder benutzen kann. Aber auch hier, so untersuchte eine Studie, gibt es große Mängel, da Stoffwindeln viel Wasser, Energie und Waschmittel verbrauchen. Zwar seien die Auswirkungen anders als bei der Wegwerfwindel, trotzdem ist die Belastung ähnlich hoch und schädlich für die Umwelt. In England wurde man sich auch politisch über das massive Umweltproblem und vor allem den Kosten der Entsorgung mehr und mehr bewusst. Es sind vom Staat finanzierte Programme entstanden, welche Gemeinden unterstützt in umweltfreundlichere Lösungen zu investieren. So gibt es in England beispielsweise immer mehr Gemeinden, welche sich für die Stoffwindeln einsetzten. Dabei spielt ein externer Waschservice eine zentrale Rolle – sie holen die Windeln ab, diese werden dann möglichst umweltschonend, also in großen Mengen gewaschen und wieder nach Hause geliefert. In Schweden arbeitet man zurzeit an Windeln, welche in Teilen biologisch abbaubar sein sollen – noch ist allerdings weitere Forschung von Nöten, um ein befriedigendes Ergebnis zu bekommen.

 

Sollten wir unsere industrialisierte Sauberkeitserziehung überdenken?

Vielleicht können wir ja von den Menschen aus China, Senegal oder Indien lernen und uns diese Methoden ebenfalls zu eigen machen, obgleich das wohl etwas mehr Zeit und Einsatz von uns abverlangen würde? (es gibt auch hierzulande interessante Ansätze dieses Thema anzugehen: Windelfrei auf Geborgen Wachsen, Anmerkung: Gabriele P.) Vielleicht fehlt es aber in unserer Gesellschaft gerade an dem – an Zeit und mehr Einsatz? Eine Lösung zu finden, welche sowohl für das Kind sowie für die Umwelt gut ist, ist nicht leicht. Sicherlich ist es aber vor allem wichtig, dass wir uns empfindsamer dafür machen d.h. nicht schuldbewusst wegschauen, sondern nach neuen Wegen suchen, ja diese auch von der Forschung fordern, denn eine Nachfrage entsteht nur dann, wenn sich Verbraucher ihrer Bedürfnisse bewusst sind. Und nur da wo es eine Nachfrage gibt, wird es auch irgendwann ein Angebot geben. Es taucht auch die Frage auf, ob es nicht hinsichtlich des dringenden Handlungsbedarfs auch die Verantwortung der Politik sein sollte, welche hier neue Lösungen anstreben müsste?

„Dürfen wir jedem Einzelnen die Entscheidung überlassen, wenn diese die Zukunft unserer Kinder betrifft? Ist das wirklich an uns diese Entscheidung zu treffen, wenn die Wegwerfwindeln immer noch in den Mülldeponien liegen während die Ur-Ur-Ur Enkel dieser Babys bereits schon tot sind? Ist das den künftigen Generationen gegenüber fair? Welche Freiheiten stehen uns in solchen Situationen zu? Darf man uns diese Wahlmöglichkeiten lassen? Ich finde nein“. (Nasso Christou)

 

Als Inspirationsquelle für diesen Bericht diente der folgende Dokumentationsfilm von Arte:

„Windeln, Wickeln, Wegwerfen“

 

Wie seht ihr die Zukunft der Sauberkeitserziehung?

Drei Blickwinkel sind hier besonders spannend: auf die Kinder, auf die Umwelt, auf die Eltern…

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Artikel von

MA Waldorfpädagogik

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