unpolitisch und unmütterlich

unpolitisch und ummütterlich - motherbook

Micky hat ihr Baby verloren. Vermutlich ist schon etwas in der Schwangerschaft schief gelaufen, was sich im Nachhinein nicht mehr genau nachvollziehen lässt, und dann konnte das kleine Baby einfach keine Nahrung aufnehmen und ist nach viel zu kurzer Zeit auf dieser Erde gestorben. Micky war ratlos. Sie wusste nicht wohin mit dem ganzen Schmerz und wollte den kleinen Körper nicht loslassen. Man nahm ihn ihr schließlich weg, aber wohin jetzt mit der ganzen Liebe? Jede Zelle ihres Körpers, ihre ganze Seele war auf dieses neue Wesen eingestellt. Es war ein Teil von ihr, war ihr potenziertes Selbst und jetzt war es einfach nicht mehr da. Micky war gelähmt, sie kannte Art und Ausmaß dieses Schmerzes bisher noch nicht. Da hatte ihr Chef eine Idee. Er besorgte ihr einfach ein neues Baby, ein Waisenkind. Es war nicht ganz so schön wie ihr eigenes, hatte rote Haare und Segelohren, aber darauf kommt es bei wahrer Mutterliebe nicht an, dachte der Chef. Er steckte es in den Strampler vom Originalbaby für die Vertrautheit und übergab es Micky. Was für ein Glück, dachte sich ihr Unterbewusstsein, jetzt weiß ich endlich, was ich mit dem ganzen Schmerz anfangen soll. Sie weigerte sich, das neue Kind zu ernähren, und demütigte es bis auf’s Letzte. Was für eine Wonne, da sich das Kind jeden Tag wieder mit vor Schreck aufgerissenen Augen, aber dem urnatürlichsten und reinen Vertrauen an Micky wandte, der einzigen Person, die es auf dieser Erde hatte. Als der Chef sah, dass sein Plan nicht aufging und das Baby bald verhungerte, sorgte er dafür, dass man es Micky wieder wegnahm, und Micky fraß und fraß, bis sie runder war als in ihrer Schwangerschaft.

Micky ist eine Kuh. Ich war dabei, als sie uns – mir und unserem gemeinsamen Chef, dem Bauern – ihr totes Kalb zeigte oben auf der Alm.

muht um Hilfe-ihr Kalb ist gestorben - motherbook

Es regnete und es gab Nebel und wir waren alle drei nass bis auf die Haut. Der Bauer band ein Stück Schnur um ein Bein des Kalbes und schliff den toten Körper fast eine Stunde lang zu Fuß hinter sich her bis hinunter in den Stall. Die Kuh folgte uns, die Schnauze höchstens 20 Zentimeter von ihrem Kalb entfernt, wenn es mehr wurde, rennend, stolpernd, rutschend den Abstand wieder aufholend. Sie stieß unaufhörlich tiefe, dumpfe Laute aus, die aus dem Innersten ihrer schweren Brust zu kommen schienen.

Mutterkuh mit ihrem verstorbenen Kalb ins Tal... - motherbook

Im Stall leckte sie noch stundenlang das Fell ihres Jungen, das einfach keine Regung mehr zeigen würde. Da besorgten der Bauer und ich ein neues Kalb, schnitten ein Stück Rückenfell aus dem alten und banden es auf das neue obendrauf. Die Kuh leckte wieder das tote braune Fell, ging aber nicht auf das lebendige rote Fell ihres neuen Babys über, so wie es geplant war und wie es bei anderen Müttern in ähnlichen Situationen schon passiert war. Das Rothaarige mit den Hasenzähnen stand da, zitternd und mit vor Schreck aufgerissenen Augen und dem nassen, stinkenden Skalp seines Vorgängers auf dem Rücken.

Das verstoßene "Ersatzbaby" - motherbook

Herzerweichend, jedoch nicht das der Mutterkuh Micky. Alle unsere Hoffnungen wurden enttäuscht, was wir auch versuchten – beim Betreten des Stalls bot sich uns Tag für Tag eine Misere: Das Kalb stand gebissen, gestoßen, getreten in einer Ecke und versuchte doch immer wieder bei der Kuh anzukommen. In seiner kurzen Zeit auf dieser Erde hatte es bereits gelernt, was Leben bedeutet: Demütigung. Die Kuh schien ihren Schmerz in Boshaftigkeit umgewandelt zu haben und war in ihrer Lage nicht weniger bemitleidenswert. Herzzerreißend.

Als ich Mickys Geschichte einer Freundin erzählte, fragte sie mich, ob wir nicht manchmal Tieren zu viel menschliche Gefühle beimessen. Mit Sicherheit hat sie Recht, wir haben nunmal nur dieses eine Fenster, aus dem wir rausgucken können, die menschliche Perspektive. Aber darum geht es nicht nur. Ich fange an, mir die Frage andersherum zu stellen. Messen wir der Menschlichkeit nicht eine zu gesonderte Stellung bei? Sind wir nicht alle, Kühe und Menschen durch den Trieb gesteuert, unsere Art fortzupflanzen, zu erhalten und unter bestmöglichen Bedingungen zum Gedeihen zu bringen? Die besondere Bindung zwischen Mutter und ihrem Kind besteht – sowohl bei Menschen, als auch bei Kühen. Ist diese Mutterliebe, oder wie wir es nennen wollen, bei Kühen und bei Menschen nicht einfach ein Instrument des Fortpflanzungstriebes?

Das Schöne ist, das wir die Wahl haben. Wir können Tag für Tag, Minute für Minute, Augenblick für Augenblick mehr daraus machen. Und wenn wir uns dafür entscheiden – warum nicht auch die ein oder andere Kuh aus diesem Blickwinkel anschauen?

Artikel von

Ein Kommentar

  1. Anke Adamik
    Anke Adamik at | | Rückmeldung abgeben

    Sehr berührende Geschichte. Schreib weiter!

Hallo,
Bitte hinterlassen Sie uns einen Kommentar.

Die Motherbook-Autoren versuchen, alle unerwünschten Beiträge fernzuhalten. Trotzdem ist es uns nicht möglich, alle Beiträge zu überprüfen. Motherbook kann deshalb nicht für den Inhalt der Beiträge verantwortlich gemacht werden. Jeder Nutzer trägt für seine Beiträge die Verantwortung. Wir weisen darauf hin, dass Beiträge, die gegen geltendes Recht verstoßen, auch im Internet der Strafverfolgung unterliegen und zur Anzeige gebracht werden können.

Kommentar hinterlassen

css.php