Auszug aus Utopia – Vereinbarkeit im Realitäts-Check

Der heutige Gastbeitrag setzt an einem Punkt an, den viele Mütter – insbesondere die aus Großfamilien – sehr gut kennen: wir sind mit dem sicheren Vorsatz ins Familienleben gestartet, Vereinbarkeit von Kindern und Beruf sei selbstverständlich, von uns gewollt, zeitgeistig sinnvoll, nicht infrage zu stellen und für alle Beteiligten die einzig denkbare Lösung… doch dann – aber lest selbst:


Auszug aus Utopia

Vor knapp zwei Wochen habe ich meinen Vorgesetzten gesagt, dass ich meinen Job kündigen werde. Ich verlasse meinen Arbeitsplatz und meinen Arbeitgeber, bei dem ich nun über neun Jahre beschäftigt war. Ich verzichte damit auf zusätzliche Altersvorsorge, auf Aufstiegsmöglichkeiten, auf interessante Projekte und auf die besten Kolleginnen der Welt. Ich lasse all das hinter mir, lasse es los und starte neu.

Ich suche einen neuen Rhythmus, für mich und für uns als Familie. Einen, in dem ich mehr ich sein kann, in dem ich unseren drei Kindern mehr die Mutter sein kann, die ich gerne wäre und in dem ich wieder mehr die Partnerin, Freundin oder Angehörige sein kann, die ich einmal war. Eine, die sich auch mal Zeit nimmt. Eine, die gerne zuhört und dabei nicht ständig nervös auf die Uhr schielt und sich denkt, dass jede Minute, die sie länger verweilt, eine Minute sein wird, die nach hinten heraus fehlt. Ich glaube, jede berufstätige Mutter weiß, was ich damit meine.

 

Die Wiederentdeckung des eigenen Selbst

Früher war ich so. Ich war die, die sich freute, wenn die Frühstücksbesucher spontan noch zum Abendessen blieben. Ich war die, die einfach mal sitzen geblieben ist, wenn es irgendwo gemütlich war. Ich war die, die einfach nur Freunde zum Bahnhof bringen wollte und die dann spontan mit in den Zug einstieg und in den Urlaub fuhr. Ich war die, mit der man stundenlang telefonieren konnte, ich war die, der Themen und Gesprächslust niemals ausgingen. Ich war die, die zum Helfen kam, wenn irgendwo Not war und die, die sich mit ihren Lieben wunderschöne Briefe schrieb.

Doch nach und nach verschwanden all diese Dinge, die früher so fundamental zu mir gehört hatten. Ich tauschte sie ein, gegen den neusten Modetrend meiner Generation. Ich begann zu vereinbaren. Beruf und Familie, Karriere und Leben – und es klappte. Zumindest eine Weile. Ich habe nämlich die allerbesten Voraussetzungen. Ich arbeite in einem Bereich, in dem es nicht ausgeschlossen ist, dass man in Teilzeit richtig weit nach oben kommt – vorausgesetzt man hat die richtigen Kontakte, und die habe ich. Ich arbeite in einem Bereich, in dem man als Mutter in der Regel nicht auf dem Abstellgleis landet, sondern weiterhin spannende Sachen machen darf. Ich arbeite mit unglaublich tollen und inspirierenden Frauen zusammen, von denen viele Mütter sind und meine Sorgen und Nöte teilen. Kranke Kinder, Streik in der Kita, Homeoffice oder Sommerferien? Nie ein ernsthaftes Problem. Das kriegen wir hin, und wenn alle Stricke reißen, wird das Nachbarbüro zum Kindergarten und die Kollegin druckt einen Stapel Ausmalbilder aus. Ich bin mit einem Mann verheiratet, für den Rollenmodelle nicht in Stein gemeißelt sind und der jederzeit bereit ist, für mich einen Schritt zurück zu gehen, Teilzeitoptionen wahrzunehmen, kranke Kinder zu betreuen oder früher von der Arbeit zu kommen, wenn es nötig ist. Den Haushalt teilen wir uns, und wenn alles zu viel wird, leisten wir uns eine Haushaltshilfe. Mein Wohnort verfügt über eine flächendeckende, hochwertige Betreuungsinfrastruktur von 7 bis 17 Uhr für Kinder von eins bis zehn. Die Großeltern sind alle in erreichbarer Nähe und liebend gern zur Stelle, wenn wir sie brauchen. Ich lebe also im Utopia der Vereinbarkeit.

 

 Sehnsucht nach Teilhabe am Kinderleben – jetzt!

Doch unser Modell hat Risse. Da ist die Musikschule, die zum Eltern-Mitmach-Nachmittag einlädt, während mein Chef eine wichtige Sitzung abhalten will und der Mann auf Dienstreise ist. Da sind die Dutzenden von Magen-Darm Infekten, die Kinder in den ersten Kitajahren mitbringen und die alle noch so schönen Optionen hinfällig werden lassen. Da ist der Regenwurm, der ausgerechnet dann über den Gehsteig kriecht, wenn wir aber nur noch 30 Sekunden Zeit haben, um das Kleinkind ins Auto zu zerren, anzuschnallen und loszubrausen.

Aber da ist noch mehr – da ist das gesicherte Wissen darum, dass die eigenen Kinder nur einmal ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs oder sieben Jahre alt sind. Dass jedes Kind nur einmal laufen, sprechen, malen, werfen oder hüpfen lernt, nur einmal ein Vorschüler oder Grundschüler ist, nur eine kurze Phase lang selbstvergessen in den Sandkästen dieser Welt sitzen wird und dass man selbst nur eine Weile lang das Privileg hat, der Mittelpunkt des Universums für diese kleinen Menschen zu sein. Da ist die Erkenntnis, dass man nur ein bisschen mehr als zwei Hände voll an Lebensjahren hat, in denen man mit den Kindern gemeinsam beim Mittagessen sitzen kann und ihre Geschichten hautnah präsentiert bekommt. Da ist die Erkenntnis, dass jeder sonnige Nachmittag, den man im Büro verbringt, ein Tag ist, an dem man nicht gemeinsam im Freibad sein kann. Da ist diese Enge, die ich jedes Mal spüre, wenn ich Termin-Tetris spielen muss, um wundervolle Aktivitäten wie Schlitten fahren und Plätzchen backen irgendwie in unserem straffen Alltag unterzubringen.

 

Mein Utopia der Vereinbarkeit

Mein Utopia der Vereinbarkeit ist in Wirklichkeit eine riesengroße Lebenslüge. Eine, die ich mir aus irgendeinem Grund ein paar Jahre lang schön geredet hatte. Dass das Leben, das ich lebte, irgendwie nicht das war, in dem ich mich zu Hause fühlte, habe ich schon viele Jahre zuvor das erste Mal gespürt und seither immer wieder. Ich habe es ignoriert, das kleine beißende Gefühl, dass sich immer wieder zu Wort meldete. Doch erst in den letzten Monaten ist aus dem kleinen Gefühl, dass sich ab und zu anschlich, ein großer Schmerz geworden und ein Leidensdruck, der stark genug war, mich zum Handeln zu bewegen.

Ich verlasse Utopia und fange neu an. Ich wage den Schritt in eine unsichere Zukunft – und zurück zu dem, was ich sein möchte.

 

Mein Traum von der Vereinbarkeit: geplatzt wie eine Seifenblase! Verpasste Zeit mit den Kindern: unwiederbringlich!
Mein Traum von der Vereinbarkeit: geplatzt wie eine Seifenblase! Verpasste Zeit mit den Kindern: unwiederbringlich!

Die Autorin ist 36 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Nordhessen. Sie ist derzeit noch als Erziehungswissenschaftlerin im Wissenschaftsmanagement beschäftigt und bald Eltern- und Familienberaterin in Ausbildung und Hausfrau und Mutter aus tiefster Überzeugung. Ihre Gedanken zur Unvereinbarkeit von Beruf und Familie verbloggt sie auf ihrem Blog unvereinbarkeitsdebatte.

Artikel von

4 Kinder, 1 Enkel, 1 Ehemann, Mompreneur: Gründerin der AKADEMIE FÜR MATRISOPHIE® mit MOTHERBOOK®, BLOMM + ...

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