Vom Wendefieber bis zur Lichtgrenze

Als Kind des Rheinlandes war es 1977 schon fast mutig zum Studium nach Westberlin zu gehen. Die Stadt war von der Mauer umgeben und die Zufahrt führte über finstere Transitwege durch ein geheimnisvolles Land, was man sich nur in seiner Phantasie ausmalen konnte.

Alles, was man darüber wusste, war Halbwissen und auch nicht wirklich nachzuvollziehen. Von den vielen Verwandten, die ich dort väterlicherseits hatte, kannte ich nur einge Rentner, die reisen durften. Aus deren bunten Geschichten brachte ich die einzelnen Protagonisten durcheinander, weil es so unübersichtlich viele waren, die Bilder verschwammen und ich es nie geschafft habe einen Überblick über unsere große Familie zu bekommen.

Der „Osten“ war ein fremdes Land mit tausend Fragezeichen und er schreckte mich ab. Spitzel, Spione, Armut, das Fehlen von Meinungsfreiheit und von einfachsten Gegenständen aus unserem ganz normalen Alltag, ließ mich unsere Ost-Verwandschaft bemitleiden. Ein Bruder meines Großvaters hatte einen etwas skurrilen Heldenstatus: er galt als genialer Ingenieur und hatte den „Trabi“ entwickelt, den man auf den Transitautobahnen nicht nur sehen, sondern auch riechen konnte.

Westberlin wirkte wie eine Oase der Freiheit, von Kultur umgeben, abgeschottet durch ein Bauwerk, das trotz allem atmosphärischen Horrors ein Musterbeispiel deutscher Präzisionsarbeit und Organisationstalents demonstrierte. Ich liebte dieses Westberlin, diese spezielle kreative Atmosphäre, das viele Grün in der Millionenstadt, die Querdenker und Freigeister, die Toleranz gegenüber Andersdenkenden.

Im November 1989 war meine Kleinfamilie gerade in der „Reproduktionsphase“: Schwanger mit dem dritten Kind, stieß ich dann an Grenzen anderer Art: am 9. November wollte ich sofort zur geöffneten Grenze, doch es war kein Babysitter zu erreichen, alle tummelten sich längst in der Stadt. Oh, das war einer der wenigen Momente, an denen ich mir sehr eingeschränkt und in meiner Mutter-Rolle gefangen fühlte. Unruhig saß ich in der interessantesten Stadt der Welt und war zu Hause „angebunden“…

Am nächsten Tag führte der erste Weg mit der Familie zum Brandenburger Tor und dort auf die Mauer, die an dieser Stelle ziemlich breit war. Auf der anderen Seite die Grenzbeamten taten mir fast – aber auch nur fast – leid wie sie unter dem Gelächter und den zynischen Sprüchen der vielen Mauerkletterer ihre Patrullien mit steinerner Miene fortsetzten, „Dienst ist Dienst“… Der hohe Andrang und die angespannte Aufregung oben auf der Mauer ließ bei mir als Schwangeren die Vernunft siegen und ich entschloss mich ,dem ungeborenen Kind zuliebe, unten auf die Familie zu warten.

Die Euphorie der Massen war einfach großartig, der ganze „Schwarm“ war glücklich und jeder davon infiziert. Diese Stimmung war einmalig in ihrem Zauber: plötzlich schien jeder positive Traum umsetzbar und jeder Skeptiker Lügen gestraft. Da war der Funke, der an das Gute im Menschen glauben lässt, zu einer Riesensonne mit ungeheurer Strahlkraft angewachsen!

 

Die kleinen Skurilitäten am Rande des Geschehens gaben diesem Riesenspektakel den komischen Akzent, der doch noch an menschliche Schwächen erinnert. Als meine Mutter, eine sehr freiheitlich denkende Person, aus dem Rheinland anreiste, um sich von der fallenden Mauer begeistern zu lassen, wollten wir gemeinsam mit der ganzen Familie und ihren Hund, im Ostteil der Stadt ein wenig „herumschlendern“. An der offenen, aber noch existenten Grenze ließ man den Hund nicht durch. Nein, er müsse erste drei Wochen in Quarantäne, wenn er in die DDR einreisen wolle und vorher müsse man den Impfpass vorlegen… Meine Mutter versuchte den Grenzbeamten davon zu überzeugen, dass diese innerdeutschen Bestimmungen doch gerade auf dem Weg in die Wertlosigkeit waren und verhandelte mit ihrem ganzen Charme – es nützte nichts – „Vorschrift ist Vorschrift“. Selten habe ich meine Mutter so aufgebracht und wütend gesehen: „Das ist Bürokratismus!!“ rief sie dem sturen Grenzer zu und meinte sie verstünde jetzt endlich, wie diese Schreckensherrschaft der DDR möglich gewesen sei.

November 1989 – Ostseite ded Brandenburger Tors – Motherbook

Das Brandenburger Tor von der „falsche Seite“ war ein Erlebnis, immer wieder, auch wenn die dunklen und freudlosen vergammelten Fassaden nicht eben einladend wirkten.

Wir alle stellten Prognosen wie lange es dauern würde  bis es keinen Unterschied zwischen Ost und West mehr geben würde. Die Einschätzungen gingen sehr weit auseinander: zwischen fünf und 50 Jahren.

Nun, nach 25 Jahren hat sich dieses finstere Ding sich in eine Lichtgrenze verwandelt – eine so zauberhafte Umdeutung! Ganz besonders in Berlin mischen sich in Familien und Arbeitsteams die Menschen mit Ost- und Westwurzeln. Immer noch ist das ein Thema, jeder weiß von jedem den familiären Background. Manche Unterschiede in der Denkweise erklären sich daraus, aber es ist inzwischen nur noch ein interessantes Phänomen und kein mehr Kriterium für irgendetwas.

 

In 25 Jahren vom Wendefieber zur Lichtgrenze
In 25 Jahren vom Wendefieber zur Lichtgrenze

In weiteren 25 Jahren wird vermutlich auch dieser Punkt Geschichte sein und alles zusammen für die Zukunft als ein Beispiel dafür im Gedächtnis bleiben, wie Menschen gewaltlos und nachhaltig Positives bewegen können.

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4 Kinder, 1 Enkel, 1 Ehemann, Mompreneur: Gründerin der AKADEMIE FÜR MATRISOPHIE® mit MOTHERBOOK®, BLOMM + ...

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