Warum ich die WM nicht verfolgt habe

 

So. Ich werde mich jetzt outen. Ich gehöre sicherlich zu einer Minderheit, werde bestimmt verständnislos belächelt oder sogar ausgebuht, denn ich habe die WM nicht verfolgt. Ich wurde mehrfach gefragt, wie ich das letzte Spiel fand und habe, zum Erstaunen meines Gegenübers, jedesmal geantwortet, dass ich es gar nicht gesehen habe und dies hat mehrere Gründe:

 

1.  Ich interessiere mich einfach nicht für Fußball.

„Ja aber das ist dich die WM!“ mögen viele sagen. Klar ist das ein besonderes Event. Trotzdem kann ich einem Spiel nichts abverlangen bei dem ein paar Männer einem Ball hinterherlaufen. Vor allem nicht im Fernsehen, wo man eh nur wenig sehen kann. Das geht mir bei anderen Sportarten ähnlich. Umso irritierender finde ich es wenn Laien auf einmal über Fouls und Abseits oder Flanken diskutieren, als hätten sie nichts anderes in ihrem Leben gemacht. Für echte Fußballfans, die sich auskennen ist das sicherlich eine andere Sache, denn sie sehen viel mehr als ich.

 

2. Die Verlieren tun mir leid.

Klar, so ist das eben. Wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Aber gerade bei so großen Spielen hat das, meiner Meinung nach, auch eine große psychologische Auswirkung auf die Verliererländer. Wenn ein Land schon mit anderen schwerwiegenden Problemen, wie Wirtschafts-, politische Krisen, schlimmer Kriminalität und Armut zu kämpfen hat, dann stecken sie nicht selten eine abstruse Hoffnung in solche besonderes Veranstaltungen, wie die WM. Verliert die Mannschaft dann auch noch, kann das zu mehr als einem Kater der Nation führen und das liegt mir schwer im Magen. Außerdem tut mir die Verlierermannschaft immer mehr leid, als dass ich mich für die Gewinner freuen kann.

 

Gibt es nicht wichtigere Themen, die uns beschäftigen sollten?

Mal ehrlich. 120 Minuten Fußball und 10 Minuten für das restliche Weltgeschehen. Wo sind da die Verhältnisse? Diese Berichterstattung ist ein Grundsatzproblem unserer heutigen Medienlandschaft und hat folgenschwere Auswirkungen darauf, mit welcher Priorisierung wir das Geschehen auf unserer Welt verfolgen bzw. einschätzen. Das finde ich einfach sehr beängstigend. Auch Maria Weisband hat das Problem bei Facebook sehr treffend beschrieben: „Nachrichten. Seit Jahrzehnten wird erstmals Jerusalem von Raketen getroffen. Terror. Zerstörung und zivile Opfer in Gaza. Und nun unser Korrespondent aus Brasilien. ‚Jaa, 0:5. Die Brasilianer sind unter Schock.’ Ich verstehe nicht, wie Menschen mit dieser Fallhöhe klar kommen. Ich verstehe es einfach nicht.“

Ich verurteile keinen, der das Spiel mit Begeisterung verfolgt hat und ich bin mir sicher die Jungs der Nationalelf haben toll gespielt. Vielleicht laufe ich mit diesem Beitrag auch Gefahr auseinandergenommen zu werden, aber diese Gründe sind für mich stark genug, um die letzten Wochen statt im Public Viewing oder Zuhause vorm Fernseher zu sitzen, mir ein Trikot zu kaufen und Deutschlandfarben ins Gesicht zu schmieren, lieber mit dem Kind ein extra Buch las, mal wieder in ruhe Zeitung las und einfach früh ins Bett ging – Auch beim Finale.

Artikel von

Jungmutter einer kleinen Tochter, Mompreneuer, Master in interkultureller Kommunikation, ausgebildete Mediatorin

Ein Kommentar

  1. Jacqueline Güntzel
    Jacqueline Güntzel at | | Rückmeldung abgeben

    Hallo Ulrike,

    ich habe gerade mit einem breiten Grinsen im Gesicht deinen Artikel gelesen. Und auch wenn ich zu den ungläubig guckenden Fußballfans bei EM und WM gehöre, spricht mir der Artikel aus der Seele.

    Ich lebe in einer Fußballfamilie (Mann und Söhne spielen Fußball) und es hat bei uns eine hohe Priorität. Ich sehe meinen Jungs gern beim Fußball zu und ich habe eine Lieblingsmanschaft, die allerdings nur an ihrem Trainer hängt. Fußball im Fernseher findet für mich nur aller zwei Jahre statt.

    Was mich aber immer daran stört, ist die Bedeutung von Sportereignissen und ihre Gewichtung in unseren Medien und auch wie unterschiedlich diese ist. Selbst die öffentlich-rechtlichen sind nicht in der Lage dies mit gutem Abstand zu betrachten. Wie Welt liegt in „Schutt und Asche“ und uns interessiert nur das Fußballergebnis.

    Weiterhin irritiert mich immer die unterschiedliche Bedeutung der Sportler. Bei den olympischen Spielen wird das immer sehr deutlich. Die Übertragung endet immer mit den Hauptspielen. Die Paralympics werden gar nicht mehr gezeigt.

    Danke für deinen Artikel. Es ist schön zu wissen, dass es noch andere gibt, die dieser Bedeutungsverzerrung nicht erliegen und diese hinterfragen.

    Liebe Grüße
    Jacqueline

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