Nahtlos… vom Verhütungsmarathon in die Sterilitätsbehandlung

in vitro fertilisation

In Vitro Fertilisation

 Da werden wir als Mädchen in eine Welt geboren, die geprägt ist von einer alten Kultur und von einigen Jahrzehnten Emanzipationsbewegung. Wir sind stark- die Wissenschaft hat festgestellt, dass weibliche Föten widerstandsfähiger sind als männliche. Das setzt sich im Laufe der Kindheit fort, bis hin zu der Tatsache, dass wir eine höhere Lebenserwartung haben. Die sexuelle Befreiung hat uns neue Möglichkeiten beschert: wir dürfen, können alles machen und ausprobieren. Trotzdem träumen wir von der großen Liebe und da sind wir sehr anspruchsvoll. Es werden diverse Experimente unternommen und wir sind lange auf der Suche ohne uns festlegen zu wollen. Unser Organismus wird inzwischen auf verschiedenste Weisen überlistet:

  • entweder täuschen wir ihm mit der Pille eine Jahre dauernde Schwangerschaft vor und lassen dadurch keine weitere monatliche Eizelle heranreifen oder

  • wir versuchen mit einer Spirale befruchtete Eizellen mechanisch beim Einnisten in die Gebärmutterschleimhaut zu hindern oder

  • wir nehmen “die Pille danach”… oder

  • wenn sich eine Schwangerschaft nicht verhindern lassen konnte, brechen wir sie ab

oder, oder…

 Wir stecken eine große Menge Energie in die Verhinderung von Schwangerschaften und das machen wir über viele Jahre. So lange, bis wir uns ausgetobt haben, bis wir beruflich im Sattel sitzen, bis wir aus dem unverbindlichen Paarungsverhalten doch herauswollen oder bis uns die Torschlusspanik erfasst, weil so viele Jahre wie im Fluge vergangen sind und wir erschrocken feststellen, dass wir rein physisch gesehen schon im Großelternalter sind. Unser Körper hat inzwischen verstanden: Kinder kriegen soll er nicht. So geraten wir nahtlos vom Verhütungsmarathon in die Sterititätsbehandlung.

Unser Organismus hat gelernt: Schwanger werden soll er nicht

Wir haben gelebt, zu viel oder ungesund gegessen, Alkohol getrunken, vielleicht geraucht, möglicherweise Drogen oder Medikamente genommen. Unser Körpersystem bleibt davon nicht unbeeinträchtigt, bis in die molekularbiologische Ebene hinein. Die Zellen, auch die Keimzellen werden dadurch geprägt und verändern sich…

Haben wir die Pille genommen, hat sich unsere intuitive Partnerwahl verändert: wissenschaftliche Untersuchungen haben nachgewiesen, dass nicht schwangere Frauen sich durch andere Körpergerüche angezogen (mit dem sicheren Instinkt für genetisch passende Partner) fühlen als Schwangere und Pillennehmerinnen.

Die Wende: vom Verhütungsmarathon in die Sterilitätsbehandlung

Kommen wir nun in die Phase, in der entweder aus Alters- oder Karrieregründen doch noch ein Kind kommen soll, so stellen viele von uns erschrocken fest: so einfach ist das nicht. Nun muss die Natur wieder überlistet werden und es wird eine große Menge Energie in den Versuch gesteckt, doch noch wenigsten ein einziges Kind zu bekommen. Jetzt bombardieren wir unseren Organismus mit Hormonen, aber nicht um eine Schwangerschaft zu verhindern, sondern dieses mal um das Gegenteil zu erreichen. Da wird viel physische, psychische und finanzielle Kraft verbraucht die körperlichen Folgen der Jahre mit dem “Kinderentstehungsverhinderungsverhalten” wieder auszubügeln. Das beschert uns massive Wechselduschen von Gefühlen und somatischen Auswirkungen. Es setzt ein möglicherweise Jahre dauernder weiterer Marathon durch alle medizinisch möglichen Therapien ein. Da wird die Eizell- und die Spermienproduktion beeinflusst mit dem ganzen Fachwissen einer florierenden Fruchtbarkeitsindustrie, die inzwischen deutliche Globalisierungstendenzen zeigt.

Hilft das alles nichts, bleibt noch die Möglichkeit im Reagenzglas eine nicht wirklich paarungswillige Eizelle mit einem nicht wirklich paarungswilligen Spermium mechanisch miteinander zu verbinden, damit sie vielleicht doch noch zu einer Einheit verschmelzen. Wird der daraus entstandene Embryo anschließend in die nicht mehr wirklich auf eine Schwangerschaft eingerichtete Gebärmutter eingepflanzt, so sind die nächsten Probleme fast schon vorprogrammiert.

Die ersehnte Schwangerschaft als Problemfall

Sind die ersten 12 kritischen Schwangerschaftswochen dann überstanden, kommt es bald zu vorzeitigen Wehen. Um eine Fehlgeburt zu verhindern, wird der Schwangeren nun strenge Bettruhe mit wehenhemmenden Medikamenten verordnet. Diese sind unter anderem ziemlich belastend für den Kreislauf der Mutter, aber diese ist bereit alles menschenmögliche auf sich zu nehmen, um die Schwangerschaft zu erhalten.

Sind dann von den 40 erstrebenswerten Schwangerschaftswochen gut 22 Wochen vergangen, bekommt das Kind mit einer Kortisonbehandlung eine vorzeitige Lungenreifung, damit es bei einer zu frühen Geburt möglichst selbständig atmen kann.Wird das wehenhemmende Medikament nach vielen Wochen schließlich abgesetzt, kommen keine Wehen mehr- auch das hat der Organismus der Mutter verstanden… lassen dann die Herztöne des Ungeborenen nach, gibt es einen Notkaiserschnitt, man will ja schließlich kein Risiko eingehen.

Die Mutter, die viele Wochen streng im Bett gelegen hat, muss sich nun einer großen, unsterilen Bauchoperation unterziehen. Außerdem hat sich die Muskulatur ihres Körpers stark zurückgebildet, sodass ihr Allgemeinzustand sehr zu wünschen übrig lässt. Da jedoch noch einige Wochen zum Ende einer normelen Schwangerschaft fehlen, ist auch das Kind nicht in einem optimalen Zustand. Es neigt zu erhöhten Bilirubinwerten, hat Schwierigkeiten mir dem Saugreflex, mit dem Halten der Körpertemperatur und andere Beschwerden. Es wird im Inkubator aufgepäppelt, bis es sich der rauhen Welt stellen kann. Die Mutter hetzt zwischen Milchpumpe, Brustentzündung, Inkubator hin und her ohne sich wirklich körperlich und seelisch erholen zu können, denn es geht immer noch um Sein oder Nichtsein…

Aber, das Kind ist jetzt endlich da!

 Versucht man hier einmal einen Perspektivwechsel und versetzt sich in die Rolle des Kindes hinein und versucht sich zu fühlen wie das Kind – so weiß ich nicht, wer sich dadei wirklich wohl fühlen kann…

…und noch etwas: sollen unsere Töchter uns in dieser Hinsicht zum Vorbild nehmen und uns womöglich nacheifern?!?

Artikel von

4 Kinder, 1 Enkel, 1 Ehemann, Mompreneur: Gründerin der AKADEMIE FÜR MATRISOPHIE® mit MOTHERBOOK®, BLOMM + ...

6 Kommentare

  1. Janni Büsse at | | Rückmeldung abgeben

    Sehr treffend und mutig! Vielen Dank!

  2. Nicole Seidel at | | Rückmeldung abgeben

    Sehr gut gelungen!
    Diese kritischen Aspekte außerhalb der gängigen Perspektive der Mach(t)barkeit auszusprechen erfordert Mut und Durchblick.
    Ja, wie fühlt sich wohl der junge Mensch in dieser Mitmach(t)-Gesellschaft?
    Welche Entwicklung wird das Kind nehmen? Welche die Mutter, bzw. die Eltern?

  3. Knackstedt, Elisabeth at | | Rückmeldung abgeben

    Das ist natürlich eine Breitseite!
    Eine Argumentation, die pointiert und polarisierend die ungeheure Fülle des technisch Möglichen mit der Frage nach der psycho-sozialen Identität von Frauen im Strukturwandel heutiger gesellschaftlicher Realität verknüpft.
    Brauchen wir so etwas wie eine “konservative Revolution”?

  4. mira at | | Rückmeldung abgeben

    … das erinnert mich an einen New York Times Artikel ueber TWIBLINGS

  5. Knackstedt, Elisabeth at | | Rückmeldung abgeben

    “Nahtlos …”, da stimme ich Janni Brüsse und Nicole Seidel zu, ist mutig, weil Gaby Patzschke ganz dem Prinzip der Mäeutik/Maieutik des Sokrates vertraut: Hebammenkunst, Geburtshilfe! Aber ein “geistiges Kind” ist gemeint, ein neuer Gedanke, etwas so (noch) nicht Dagewesenes, noch nicht Gesehenes soll initiiert werden. Und dieser Prozess verläuft dialektisch oder “interaktiv”, und je mehr Frauen sich einbringen, umso reicher entwickelt sich das “Neugeborene”!

    Selbstverständlich ist uns allen bewusst, wie viele Frauen vor uns daran mitgewirkt haben, dass wir nicht mehr aus dem “öffentlichen Raum”, aus Religion, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft ausgeschlossen sind. Und selbstverständlich sind wir unseren Vorläuferinnen dankbar, dankbar dafür, dass wir wählen dürfen!
    Wir dürfen und wir können – in einem sehr umfassenden Sinn – wählen!
    Wir haben uns längst auf den Weg gemacht, uns selbst, unser eigenes Selbst, zu verwirklichen, uns zu suchen und möglicherweise zu finden!
    Selbstverständlich haben wir auch verstanden, dass wir den “öffentlichen Raum” mit gestalten müssen, damit wir angemessene Verantwortung nicht nur für uns selber, sondern auch für die Gesellschaft, in die unsere Kinder hineinwachsen, übernehmen können.

    Die andere Seite dieser Entwicklung aber wird hier scharf akzentuiert und damit klar konturiert ins Bewusstsein gehoben: Ein solcher Prozess kann auch dazu führen, dass wir uns verfehlen, dass wir in unserer Identitätsbildung verunsichert werden, dass wir in unserem Gefühl für das, was für uns wirklich wichtig ist, empfindlich gestört und uns – damit wir modern, aufgeklärt und progressiv sind – zu einer Anpassungsleistung an gesellschaftliche Veränderungen nicht nur genötigt sehen, sondern sie vielmehr freiwillig und einverständig mit vollziehen! Und dabei bemerken wir nicht, was wir verlieren, was wir aufgeben. Nicht weil wir es nicht bemerken wollen: die Fokussierung auf “das Ziel” verschattet die Nebenwirkungen! In einem umfassenden Sinne ist der französische Philosoph Alain Ehrenberg in “Das erschöpfte Selbst” der Frage nachgegangen, wie es dazu kommen kann, dass historische erkämpfte Emanzipationen sich in neue Abhängigkeiten, Entmündigungen oder psychische Erkrankungen – wie Depression – verkehren. Und es sind vor allen Dingen die Veränderungen in den psychischen Dispositionen, denen seine Aufmerksamkeit gilt. Und auch hier in “Nahtlos ..” geht es um eine mögliche Veränderung in den psychischen Dispositionen von Frauen.

    Bewusstwerdung und Bewusstseinsbildung scheint deswegen notwendig!
    Beides scheint umso notwendiger zu sein, als die Euphorie über das neu Hinzugewonnene, über die neue Freiheit, die Rückseite dieser Entwicklung nicht nur verdunkelt, sondern durch einen kollektiven Verdrängungsakt tabuisiert oder als “reaktionär” und “konservativ” gebrandmarkt hat. Deswegen ist Mäeutik notwendig. Deswegen ist ein Nachdenken über Lebensphasenmodelle, über Kindergrundsicherung (Gaby Patzsche, Kommentar zu “Nahtlos …”, 22.2.2013)… über die pychosoziale Identität von Frauen notwendig. Deswegen ist “Nahtlos …” mutig.

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